Navigate / search

Kunst + Geld = Egal?

Auf Reisen in Ländern mit an Inflation erinnernder Währung habe ich, metaphorisch gesehen, manchmal das Gefühl, auf meiner Stirn ein Schild zu tragen. Ein Schild, auf dem in der entsprechenden Landessprache steht: „Bitte melken.“ Und genauso selbstverständlich, wie es für einen Tuk Tuk-Fahrer ist, von mir aufgrund des Reichtums meines Herkunftslandes einen höheren Preis zu verlangen, ist es für mich, zu handeln. Wenn ich dann sehr engagiert um 175 Sri-Lanka-Rupien oder gar 28.050 vietnamesische Dong feilsche, vergesse ich allerdings manchmal: Für mein Gegenüber geht es um eine bedeutende Summe. Für mich um einen Euro. Wenn ich den verliere, merke ich es womöglich nicht einmal. Alles ist bekanntlich relativ.

anke-ernst_index-kunstmagazin_düsseldorf

Ähnlich, auf einer finanziell höheren Ebene, fühlt es sich vermutlich für jemanden an, der bei einer Kunstauktion in 10.000er- oder gar 100.000er-Schritten mitbietet. Er „verliert“ 10.000 Euro und merkt es nicht einmal. Das heißt, er besitzt neben den Kunstwerken mindestens ein Eigenheim, sicherlich mehr als zwei Fortbewegungsmittel der Luxusklasse und verfügt über ausreichend Nahrung, Kleidung, Schmuck sowie jede Menge modernstes Unterhaltungszubehör. weiterlesen

Nach Ägypten!

Kaum zu glauben, dass es nur knapp 100 Jahre her ist. Während heute das Klima in Ägypten von politischen Auseinandersetzungen geprägt und dort mit terroristischen Anschlägen zu rechnen ist, stand das Land Anfang des 20. Jahrhunderts für einen exotischen Traum, welcher alle positiven Eigenschaften von Ursprünglichkeit und Geheimnis in sich vereinte. Damit konnte das industrialisierte Europa keinesfalls mithalten, weshalb europäische Künstler und Intellektuelle, darunter auch Max Slevogt und Paul Klee, in den nahen Orient reisten – auf der Suche nach einer verloren geglaubten Magie.

max-slevogt_kunstsammlung-nrw_k20_anke-ernst_index-kunstmagazin_düsseldorf
Max Slevogt: “Palmengarten in Luxor”, 1914, Öl auf Leinwand, 56,5 x 38,5 cm, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

In der aktuellen Ausstellung im K20 Nach Ägypten! Die Reisen von Max Slevogt und Paul Klee werden die unterschiedlich verarbeiteten Reiseeindrücke der beiden Maler gegenübergestellt. Während Slevogt vor Ort geradezu in eine Malorgie geriet und impressionistische Werke schuf, die die Stimmungen der Szenerien einfangen, widmete sich Klee zunächst vollkommen der Reise und setzte sie, wieder zu Hause angekommen, rückblickend um. Slevogt malte Basare, Häfen, Alltagsszenen und auch – dank einer hart erkämpften besonderen Genehmigung – Islam-Unterricht in Moscheen. Klees Werke dagegen zeigen subjektiver und weniger dokumentarisch, wie die Reise sein Gefühlsleben beeinflusst und wie er sie interpretiert hat. Eine rührende, winzige Zeichnung von 1930 führt mir dies vor Augen. Sie nennt sich Bauchtanz und besteht aus wenigen Strichen – die Körperhälften befinden sich, losgelöst voneinander, durch unterschiedliche Antriebe in Bewegung. Obwohl von einer exotischen Bauchtänzerin wenig zu sehen ist, höre ich fast schon die passende Musik zu ihren Bewegungen.

Für die Kunstsammlung NRW ist diese Ausstellung natürlich ein Heimspiel, weiterlesen

Künstlerseele

„Pankok bedeutet Pfannkuchen“, „jeden Tag vor der Schule habe ich Goethe, Schiller und Thomas Mann gelesen“, „Conchita Wurst hat gewonnen, weil sie irritiert“, „ich habe versucht, die Seerosen von Monet abzumalen, aber das konnte mir als 14-Jähriger natürlich nicht gelingen“, „Borcherts Küchenuhr war meine Welt“. Als ich das Gespräch mit dem persisch-deutschen Künstler Cyrus Overbeck (*1970) beginne, muss sich mein Geist erst einmal auf die Geschwindigkeit, mit der Zitate, Namedropping, Anspielungen und kluge Gedanken aus seinem Mund geschossen kommen, gewöhnen. Ich erwäge kurz, ob dieser Mann einer jener Menschen ist, die ihr Halbwissen in konzentrierter Schnelligkeit verbreiten, ohne einen eigenen Gedanken von sich zu geben. Doch im Laufe des Gespräches wird klar:

cyrus-overbeck_anke-ernst_michael-w-driesch_index-kunstmagazin_galerie-bruno-kehrein
Cyrus Overbeck, Foto Michael W. Driesch

Overbeck spricht gerne und ausschweifend, hat jedoch selbst nachgedacht. Er ist belesen, spürt einen inneren Drang, sich aufrichtig mit der Welt zu beschäftigen, er begegnet sich selbst und schreckt auch nicht vor dunklen Schatten zurück. Seinen ununterbrochenen Zigarettenkonsum könnte man darauf zurückführen, dass er das nackte Leben spürt und etwas braucht, das ihn ablenkt. Vielleicht raucht er aber auch einfach nur gerne.

Obwohl Overbeck anderen Künstlern mit Demut begegnet, ist er weder ein Mensch, der mit seinem Wissen hinter dem viel zitierten Berg hält, noch einer, der sich sonst wie bescheiden versteckt. „En passant“ habe er den Holzschnitt revolutioniert, indem er das Papier durch Auftragen mehrerer Schichten in das Manifeste verwandelt. weiterlesen