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Sternengreifer

Der schlicht gekleidete Thomas Ruff scheint auf den ersten Blick nicht so ganz zu seinem imposanten, etliche Meter hohen Atelier zu passen, in welchem er mich ausgesprochen höflich empfängt. Doch schnell wird mir klar, dass der Fotokünstler weniger bestrebt ist, zu beeindrucken, als vielmehr danach, optimale Arbeits- und Lichtbedingungen zu schaffen. Unser Gespräch verläuft ähnlich konzentriert auf das Wesentliche: Ruff gibt ebenso nüchtern wie bereitwillig Auskunft über eine jahrzehntelange Expedition in Bereiche, zu denen das bloße Auge keinen Zugang hat.

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Thomas Ruff, Foto Michael W. Driesch

Ruffs aktuelle Ausstellung Lichten in der Kunsthalle Düsseldorf, die zuvor im Genter S.M.A.C.K. zu sehen gewesen ist, dokumentiert fünf seiner zahlreichen künstlerischen Stationen aus 35 Jahren Schaffen. Dem Titel der Ausstellung kann ich zwar einiges abgewinnen – er klingt poetisch, bietet eine beachtliche Zahl an Assoziationsmöglichkeiten und ist, wie Ruff betont, mit Flämisch und Deutsch kompatibel. Doch ein treffenderer Titel der Ausstellung, die ohne Ruffs berühmte Portraits auskommen muss, hätte sich eher auf die Aufnahmetechniken beziehen müssen. Besonders hervorzuheben ist nämlich nicht etwa das Licht, sondern die Tatsache, dass, entsprechend der Entwicklungsstufe der Fotografie, jeweils andere Techniken eingesetzt wurden. Selbst Ruff räumt lachend ein, dass das Konzept der Ausstellung „ein bisschen eierig“ sei. weiterlesen

Aufblätterer

Den Kern einer Persönlichkeit findet man für gewöhnlich in ihrem Inneren. Möchte man diese sezieren und komprimiert nach außen kehren, kann die dritte Dimension durchaus hilfreich sein. Der Bildhauer Tobias Nink, Student an der Düsseldorfer Kunstakademie, nennt das Verfahren trocken „nach außen quetschen, was innen drin ist“ oder „aufblättern“. Nach eher formalen Keramikobjekten, die noch daran erinnern, dass er bei Tony Cragg studiert hat, überraschte er seinen Professor Ende letzten Jahres mit ganz anderen Arbeiten, die mich dazu veranlasst haben, mich näher mit seinen Werken zu beschäftigen.

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Tobias Nink, Foto Michael W. Driesch

Auf den jungen Künstler bin ich während des Besuchs einer Skulpturenausstellung der Galerie Anette Müller aufmerksam geworden. Die Galerie, die im März dieses Jahres eröffnet wurde, hat sich auf junge Nachwuchskünstler der Bereiche Malerei und Bildhauerei spezialisiert. Eine Arbeit dieser Ausstellung hatte es mir besonders angetan: Sie bestand hauptsächlich aus einem Schrank von Tobias Ninks verstorbener Großmutter, den er in der Wohnung stehen gehabt, der ihm jedoch als bloßes Möbelstück in Gebrauch nicht gefallen hatte. Eines Tages beschloss Nink, den sentimentalen Wert des Schrankes künstlerisch sichtbar zu machen: Er erklärte den Schrank zum Material und begann damit, ihn zu sezieren und neu zusammenzubauen. Betrachte ich das Kunstwerk, kann ich zwar noch erkennen, dass es sich einmal um einen alten Schrank gehandelt hat – einen ähnlichen hatte meine Großmutter ebenfalls besessen. Aber die einzelnen Elemente befinden sich nicht mehr an ihrem Platz und überhaupt ist es kein Schrank mehr, denn er hat weder die entsprechende Form noch kann man ihn an irgendeiner Stelle öffnen. Im Gegenteil, weiterlesen

Künstlerseele

„Pankok bedeutet Pfannkuchen“, „jeden Tag vor der Schule habe ich Goethe, Schiller und Thomas Mann gelesen“, „Conchita Wurst hat gewonnen, weil sie irritiert“, „ich habe versucht, die Seerosen von Monet abzumalen, aber das konnte mir als 14-Jähriger natürlich nicht gelingen“, „Borcherts Küchenuhr war meine Welt“. Als ich das Gespräch mit dem persisch-deutschen Künstler Cyrus Overbeck (*1970) beginne, muss sich mein Geist erst einmal auf die Geschwindigkeit, mit der Zitate, Namedropping, Anspielungen und kluge Gedanken aus seinem Mund geschossen kommen, gewöhnen. Ich erwäge kurz, ob dieser Mann einer jener Menschen ist, die ihr Halbwissen in konzentrierter Schnelligkeit verbreiten, ohne einen eigenen Gedanken von sich zu geben. Doch im Laufe des Gespräches wird klar:

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Cyrus Overbeck, Foto Michael W. Driesch

Overbeck spricht gerne und ausschweifend, hat jedoch selbst nachgedacht. Er ist belesen, spürt einen inneren Drang, sich aufrichtig mit der Welt zu beschäftigen, er begegnet sich selbst und schreckt auch nicht vor dunklen Schatten zurück. Seinen ununterbrochenen Zigarettenkonsum könnte man darauf zurückführen, dass er das nackte Leben spürt und etwas braucht, das ihn ablenkt. Vielleicht raucht er aber auch einfach nur gerne.

Obwohl Overbeck anderen Künstlern mit Demut begegnet, ist er weder ein Mensch, der mit seinem Wissen hinter dem viel zitierten Berg hält, noch einer, der sich sonst wie bescheiden versteckt. „En passant“ habe er den Holzschnitt revolutioniert, indem er das Papier durch Auftragen mehrerer Schichten in das Manifeste verwandelt. weiterlesen