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Kunst + Geld = Egal?

Auf Reisen in Ländern mit an Inflation erinnernder Währung habe ich, metaphorisch gesehen, manchmal das Gefühl, auf meiner Stirn ein Schild zu tragen. Ein Schild, auf dem in der entsprechenden Landessprache steht: „Bitte melken.“ Und genauso selbstverständlich, wie es für einen Tuk Tuk-Fahrer ist, von mir aufgrund des Reichtums meines Herkunftslandes einen höheren Preis zu verlangen, ist es für mich, zu handeln. Wenn ich dann sehr engagiert um 175 Sri-Lanka-Rupien oder gar 28.050 vietnamesische Dong feilsche, vergesse ich allerdings manchmal: Für mein Gegenüber geht es um eine bedeutende Summe. Für mich um einen Euro. Wenn ich den verliere, merke ich es womöglich nicht einmal. Alles ist bekanntlich relativ.

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Ähnlich, auf einer finanziell höheren Ebene, fühlt es sich vermutlich für jemanden an, der bei einer Kunstauktion in 10.000er- oder gar 100.000er-Schritten mitbietet. Er „verliert“ 10.000 Euro und merkt es nicht einmal. Das heißt, er besitzt neben den Kunstwerken mindestens ein Eigenheim, sicherlich mehr als zwei Fortbewegungsmittel der Luxusklasse und verfügt über ausreichend Nahrung, Kleidung, Schmuck sowie jede Menge modernstes Unterhaltungszubehör. weiterlesen

Die Weisheit des Dr. F.

Grundsätzlich halte ich es für durchaus wünschenswert, wenn Ärzte sich auch für den Menschen hinter der Krankheit interessieren. Aber ich erschien bei Dr. F. weder regelmäßig noch übersäht mit blauen Flecken. Ich hatte mich lediglich aus dem Bett gequält, um verschreibungspflichtige Medikamente gegen den grippalen Infekt zu besorgen, den ich mir selbst bereits diagnostiziert hatte.

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Offenbar mangels Empathievermögen geriet Dr. F. in fröhliche Plauderlaune und fragte mich nach meinem Beruf. Mit Rücksicht auf meinen wunden Hals antwortete ich vage und mit spärlichen Worten. Dr. F. nahm dies jedoch zum Anlass, weiter zu bohren, bis er meine exakte berufliche Tätigkeit herausgefunden hatte, woraufhin er mich fragte, ob ich den Künstler L. kennen würde. Nein, krächzte ich leise und schaute möglichst leidend drein. Dr. F. empörte sich. L. müsse man doch kennen! Er deutete auf Originale, die in seiner Praxis hingen. An die Medikamente denkend versuchte ich, durch meine tränenden Augen hindurch die Gemälde des wohl berühmtesten mir unbekannten Künstlers zu erkennen. weiterlesen

Gewissenskonflikt

Aufgebrachte Reaktionen auf konkrete Wahrheiten sind meist nur einen Steinwurf von diesen entfernt. Der meist auch – schmerzhaft für den Getroffenen – erfolgt. Deshalb sagt man nicht: „Ich kann mit dieser Installation nichts anfangen.“ Sondern, mit kunstbetrieblichem Überlebenswillen: „Eine sehr dichte, herausfordernde Arbeit.“

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Auf den Zug der überhandnehmenden Thematisierung des Ersten Weltkrieges, an dessen Beginn dieses Jahr zum 100. Mal erinnert wird, springe ich auf und fahre weiter, bis nach dem Zweiten. An der Haltestelle Nachkriegszeit ist es immer noch gesellschaftspolitisch verwerflich, wenn man bei Gemetzeln nicht mitmachen möchte. Aber aus der Vergangenheit lässt sich bekanntlich lernen, auch ressortübergreifend: Aus den geradezu fantastischen Verhören, denen sich Kriegsdienstverweigerer unterziehen mussten, lassen sich hervorragend Regeln für Gespräche über Kunst ableiten. Denn weder „Kunst“ noch „Gewissen“ sind beweisbar.

„Sie werden von Menschenfressern verfolgt. weiterlesen