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Editorial INDEX 17

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Kunst wird meist als Objekt gehandelt. Beispielsweise auf dem Kunstmarkt, in dem weniger sie, als vielmehr „wer mit wem“ eine Rolle spielt. Gute Kunst verhält sich jedoch fast wie ein Subjekt, das unbequeme Fragen stellt. Meistens transportiert über den Inhalt, der uns aus der sogenannten Komfortzone schubst. Fakt ist: Sobald ein Werk vom Künstler „entlassen“ wird, durchläuft es, je nach Beschaffenheit und Schicksal, einen odysseischen oder auch behäbigen Werdegang. Und Kunst stellt auch diesen infrage – zuweilen lauter, als ihrem Besitzer lieb ist. Diese Ansicht vertreten vermutlich zurzeit einige deutsche Museen, die Werke aus der Provenienz Alfred Flechtheim erworben haben. Der jüdische Galerist musste 1933 aus Deutschland fliehen und seine Ware unter Druck verkaufen. Er, der einige der größten Künstler seiner Zeit vertreten hatte, starb 1937 verarmt im Exil. Wie tief die Wunden heute, über 68 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches, noch sitzen und was die Kunstwerke dann leider doch nicht erzählen, lesen Sie in einem Artikel von Linus Wörffel.

Wann aber sollte ein junger Künstler seine Werke in die Welt entlassen? Und vor allem: in welche? weiterlesen

Woanderskunst

Auch wenn Worte sehr machtvoll sind – meist sind es Bilder, die sich in unser (Unter-)Bewusstsein fräsen und unsere Meinung prägen. Die Kirche zum Beispiel nutzte eine altertümliche Laserversion, um ihre Botschaft zu vermitteln: Wenn Licht durch die religiösen Glasmalereien einer Basilika schien, begriffen die Gläubigen sofort, in welche Ordnung sie hineingeboren waren. Wahrscheinlich aber haben schon die Fenster einer mittelgroßen Kirche gereicht, um in Gottes Auftrag zu verkünden, dass man in dieser Ordnung auch zu bleiben hat. Wenn heute das Licht durch die Fenster des Kölner Doms scheint, fühle ich mich zugleich frei und orientierungslos – Gerhard Richters gegenstandslose Farbquadrate sind nach dem Zufallsprinzip angeordnet.

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Maskenrund im Bereich “ZwischenWelten: Rituale”, Themenparcours “Der Mensch in seinen Welten”, Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt, Foto Atelier Brückner/Michael Jungblut

Ich suche nach weiteren Anhaltspunkten und bleibe in Köln, nicht ganz so weit vom Dom. In der Cäcilienstraße 29-33 befindet sich das einladende Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, welches 1901 aus der Privatsammlung des Forschungsreisenden Wilhelm Joest (1852-1897) hervorging. Seine Schwester Adele, verheiratet mit dem Kaufmann Eugen Rautenstrauch, finanzierte nach seinem Tod den Bau des Gebäudes in der Kölner Südstadt, in dem das Museum über 100 Jahre lang beherbergt war. Der Umzug in die Cäcilienstraße im Jahr 2008 schaffte nicht nur bedeutend großzügigeren Platz für die aktuell 60.000 Objekte aus Ozeanien, Afrika, Asien und Amerika, sondern inspirierte die Kuratoren darüber hinaus, eine unübliche Aufteilung vorzunehmen. Der Parcours ist nun nicht mehr nach geografischen Gesichtspunkten strukturiert, sondern folgt zwei Themensträngen, die erforschen, wie die Welt vom Menschen gestaltet und wie sie von ihm erfasst wird – natürlich nicht nur in der sogenannten „westlichen Zivilisation“. Bei der großartigen Präsentation fällt es leicht, sich darauf einzulassen, wie unterschiedlich die Menschen weltweit mit Wohnräumen, Kleidung und Körperschmuck, Tod, Religion und Ritualen umgehen und somit die Welt gestalten. Außerdem vermittelt das Museum eindrücklich, wie wir die Welt zu erfassen und zu begreifen versuchen: durch Schemata. Die Fremdbilder, die sich die Menschen während der Kolonialzeit zurechtlegten, halfen ihnen ebenso die Welt zu vereinfachen, wie uns heute unsere Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen dazu dienen. Im Rahmen dieses Themenkomplexes untersuchen die Kuratoren darüber hinaus zwei unterschiedliche Ansätze der Vermittlung: Einerseits gewähren Gegenstände in Verbindung mit aufbereiteten Informationen Einblicke in fremde Kulturen (Die Welt in der Vitrine: Museum); andererseits laden Werke aus aller Welt ohne Erläuterung ihrer Funktion den Besucher dazu ein, sich auf ihre Betrachtung einzulassen (Ansichtssachen?!: Kunst). Beide Dauerausstellungen stehen gleichwertig nebeneinander und werfen die Frage auf, was eigentlich „nur“ ein völkerkundlich interessantes Objekt und was darüber hinaus noch Kunst ist.

Das Verständnis von Kunst verändert sich nicht nur, wenn man Kilometer zurücklegt, sondern

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Gesponnen

Die Macht ist mit den Spinnen. Das weiß eigentlich jeder, der sich in der letzten Zeit mit Astronomie beschäftigt hat. Das weiß auch der Künstler Tomás Saraceno. Nur mit Staubsaugern bewaffnete Frauen wissen das nicht. Ihre Priorität lautet: sinnlose Vernichtung durch Erstickungstod in Staubballen.

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Tomás Saraceno: “in orbit”, 2013, Kunstsammlung NRW, K21 Ständehaus, Düsseldorf, Photography by Studio Tomás Saraceno © 2013

Nach neuen, geradezu poetischen Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Universums kehren sich im All die Machtverhältnisse um: Die Galaxien hängen wie Tautropfen an einem Spinnennetz. Und an diesem Netz kleben auch Frauen – zumindest die Plejaden, in der griechischen Mythologie Töchter des Atlas und der Okeanide, denn nach ihnen ist das Siebengestirn benannt worden. „Pleiades“ heißt wiederum auch der weltweit siebtschnellste Computer am Ames Research Center (ARC) der NASA. Ob er deshalb auch von Vernichtungswillen getrieben ist, vermag ich nicht zu sagen, aber ich möchte die Verschwörungstheorie weiter spinnen:

Vor vier Jahren hat Tomás Saraceno am ARC, also mit Gestirnen und einem Supercomputer vernetzt, ein International Space Studies Program absolviert. Bei so viel Vernichtungsenergie (bestimmt saugt die NASA-Putzfrau auch noch besonders keimfrei) erkannte er eine immer dringlicher werdende Nachfrage nach neuen Lebensräumen. Aspekte wie Klimawandel und Bevölkerungswachstum könnten dabei auch eine Rolle gespielt haben. Seine Lösung: Air-Port-City, die schwebende Stadt.

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