Navigate / search

Schwere Kost

Yüksel Arslan: “Arture 535, Walseries”, 2000, Mixing technique, 41 x 45 cm, Courtesy Sinan Berent Koleksiyonu

In meiner Vorstellung sitzen die Künstler der Avantgarden des 20. Jahrhunderts auf dem Boden in Paris oder im Rheinland, trinken Absinth oder Bier, diskutieren über existenzielle Fragen des Lebens und streiten darüber, was Kunst eigentlich ist, immer auf der Suche nach der „echten“. Ihre oftmals als Gegenstück bezeichneten Kollegen, die Wissenschaftler, zeichneten vor der digitalen Revolution mit zarten Linien millimetergenau detaillierte Skizzen mit Bleistift und Tusche auf Papier oder Pergament: die menschliche Anatomie, noch unbekannte Pflanzen und andere botanische sowie faunistische Entdeckungen.

Die Kunsthalle zeigt bis zum 24. Juni Yüksel Arslans Arbeiten auf Papier (artures) seit 1959, die wie eine Synthese der sich scheinbar widersprechenden Herangehensweisen an das Leben erscheinen. So entspringen den wissenschaftlich genau wiedergegebenen Vogelschnäbeln komplizierte Tonfolgen auf Notenpapier. Exakt gezeichnete Bäume rufen den Menschen zu sich. Ein naturgetreu wiedergegebener Hund teilt dem Künstler spöttisch mit: „Ta peinture est idiote“ (dt.: „deine Malerei ist idiotisch“).

weiterlesen im Magazin (PDF)

Gereifter Blick

Kunstkritiker Klaus Honnef

Qualitätsbewusstsein bedeutet, sich gegen vieles zu entscheiden, Fehlgriffe einzugestehen und sich von Altem zu lösen. Und hat man dann die Essenz destilliert: Ist man auch fähig, sie angemessen zu schätzen? Vor allem Letzteres ist nicht leicht zu bewerkstelligen. Und dennoch gibt es auch in der Kunstwelt Akteure, die sich seit Jahren konsequent darin üben.

Gabriele Honnef-Harling öffnet mir strahlend die Tür zur Altbauwohnung, die sie mit ihrem Mann bewohnt. Als ich ihr erzähle, dass ich das Haus dank der Satellitenaufnahmen von Google schon von Weitem identifizieren konnte, lacht sie – nur aus dem Fenster würden die beiden auf der Aufnahme nicht winken. Professor Klaus Honnef kommt hinzu, schlicht und elegant in Schwarz gekleidet.

Honnef, geboren 1939, ist ein Altmeister der Kunstkritik, der außerdem erste Einzelausstellungen außerhalb der Galerieszene heute sehr bekannter Künstler wie, um nur einige zu nennen, Gerhard Richter (1969), Sigmar Polke (1973), Annette Messager (1976), Anselm Kiefer (1977), Candida Höfer (1985), Rosemarie Trockel (1985) oder Heribert Ottersbach (1993) kuratiert hat.

weiterlesen im Magazin (PDF)

Farbige Gedanken

Wir nehmen Farben wahr, weil elektromagnetische Wellenlängen zwischen 380 und 780 Nanometer auf die Sehnerven unserer Netzhaut treffen und anschließend vom Zentralnervensystem zu einem Farbeindruck verarbeitet werden.

Ganze Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass dieser Sinneseindruck für jeden Menschen derselbe ist. Sonst könnten wir soziokulturelle Konventionen nicht buchstäblich farblich kennzeichnen. Die Ampel mit rotem, gelbem und grünem Licht regelt den Verkehr oder bietet sich als Metapher für eine politische Koalition an.

Auch wenn wir einen Standpunkt vertreten, bekennen wir – ja, Farbe. Wir trauern schwarz, Japaner weiß. Weiß tragen wiederum traditionelle Bräute in Deutschland, in China tragen sie Rot, in Ägypten Gelb. Dem Himmel entnehmen wir bei Unwahrheit das Blau, Außenseiter bezeichnen wir als schwarze Ziegenartige, und obwohl das Grün keinen Bildungsgrad besitzt, streichen wir im Geiste Teile des Skalps junger Menschen mit dieser Farbe an.

weiterlesen im Magazin (PDF)