Grenzüberschreiter

1. Juni 2011

Es war einmal ein Maler, der hatte es sich mit einer bösen Fee verscherzt. Wütend verdammte ihn das Zauberwesen dazu, ewiglich seiner Berufung nachzugehen. Aber immer wenn er ein Kunstwerk vollendet hatte, tat sich die Erde auf und verschlang es. Der Maler war verzweifelt. Er schuf und schuf, doch keines seiner Werke blieb vom Erdboden verschont. Unermüdlich malte er, Stunde um Stunde, Tag und Nacht.

Mit der Zeit machten seine Wut und Verzweiflung jedoch befreitem Atmen Platz. Und der Maler erkannte, dass er eigentlich gesegnet worden war. Er malte inzwischen nur noch, weil er Lust darauf hatte. Ohne sich um das Ergebnis oder die Meinung anderer zu scheren.

Gut, rationale Geister mögen nun fragen, ob der Künstler des Märchens wohl einen besonders toleranten Vermieter hatte oder ob ihm die Abfälle der Wohlstandsgesellschaft Nahrung genug waren. Aber lassen wir dies einmal außen vor und konzentrieren uns auf die Kernfrage:

 

Was würden Sie tun, wenn das Ergebnis Ihrer Arbeit sofort zerstört werden würde?

Dies mag für die Steuerberater unserer Gesellschaft eine gefährliche Überlegung sein, jedoch ist sie für Kunstschaffende von nicht zu unterschätzendem Wert. Und mit „Kunstschaffenden“ sind sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen Künstlergemeint.

Würden Sie, wütend auf die verdammte Fee, niemals wieder einen Pinsel in die Hand nehmen und in trotziger Haltung ein sehr wahrscheinlich spaßfreies Dasein fristen, welches jedoch ausschließlich präsentable Ergebnisse an den Tag bringt? Aber wieso eigentlich? Ich behaupte: Die Motivation eines Malers, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und sich damit auf einer Leinwand auszutoben, liegt idealerweise ganz woanders.

Wenn es um Inspiration und die Entstehung von Kunst geht, spielen Zeitebenen eine zentrale Rolle. Grundsätzlich gilt daher festzuhalten: Unser Körper existiert nur in der Gegenwart und unsere Sinne sind nur im Jetzt ansprechbar. Unser Geist schwirrt dagegen ständig in verschiedenen Zeitebenen umher. Wenn jedoch geistige Aufmerksamkeit und sinnliche Erfahrung, also Geist und Körper, auf der einzigen gemeinsamen Zeitebene zusammenkommen, entsteht lebendige Gegenwart – und damit Leben. Lebendige, interessante Kunst kann wiederum aufkeimen, wenn der Blick des Künstlers in der Gegenwart bleibt und er folglich nicht ergebnisorientiert arbeitet. Dann traut der Schaffende sich darüber hinaus, Fehler zu machen und offensichtliche wie latente Grenzen zu erforschen.

Dies ist von hoher Bedeutung, denn der Künstler als Grenzüberschreiter ist eine wichtige Facette der Künstlerpersönlichkeit an sich. Künstler sind oft Menschen, die das „Dazwischen“ sehen. Das „Zwischen“ den Kulturen, den Eltern, der Weltanschauung, den Freundeskreisen – zwischen den Grenzen. Wenn alles kohärent ist, alles passt, alles klar ist, gibt es kaum Inspiration, etwas künstlerisch zu verarbeiten. Kongruente Dreiecke sind in der Mathematik auch immer die langweiligsten. Selbst wer ausdrückt, dass er unendlich glücklich ist, kann es nur tun, weil er auch andere Zwischentöne der Emotionsskala kennt.

Die vom Menschen erschaffenen Strukturen und die Grenzen ihres Einflussbereichs können durch Kunst erforscht werden. Weil der Künstler sie entdeckt, sie vielleicht überschreitet und sie auf seine Weise darstellt. Und ob es sich nun um gesellschaftliche, emotionale, geistige, kulturelle oder materielle Grenzen handelt – Kunst zeigt Dinge, die mit normalsterblichen grammatischen, theoretischen, juristischen Strukturen kaum auszudrücken sind. Schauen Sie echte Kunst, dann schauen Sie auf einen Horizont statt zwei Meter vor sich auf den Boden. Oder aber auf tiefgehende innere Bewegungen statt auf spontanbedürfnisbefriedigende Impulse eines Reptiliengehirns. Vielleicht auch auf beides, je nachdem welch geistige Spagate Sie vollbringen können.

Und hier schließt der Kreis sich wieder: Nicht Anerkennung, sondern der Prozess der Berührung und das Zulassen derselben ist die Essenz des (Künstler-)Lebens. Am Ende stehen vielleicht keine offiziell definierbaren Meisterwerke. Weitaus inspirierender sind jedoch neu erschlossener – geographisch wie geistiger – Raum, frische Energie, eine Verschiebung innerhalb der Institutionen und ungeahnte Impulse in den Köpfen. Ob daraus wiederum Kunstwerke entstehen oder der Auslöser der Berührung weitestgehend passiv erlebt wird, bleibt jedem selbst überlassen. Unser Maler jedenfalls hat der bösen Fee letztens Pralinen und einen Dankesbrief geschickt.

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