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Twittertod

Leider Sendepause und dann gleich Umbau des "Wer wird Millionär?"-Studios! Mein trotziges, aber zugegebenermaßen ziemlich sinnloses Foto möchte ich niemandem vorenthalten.

Stellt Euch vor, Günther Jauch taucht in Eurem Wohnzimmer auf, verkündet etwas bestürzt, dass sein Tod getwittert wird und bittet Euch, dies bei vorhandener Gelegenheit zu dementieren. So passierte es mir. Die einzigen Unterschiede: Es war nicht mein Wohnzimmer und nicht Günther Jauch, sondern Alfonso Espinosa de los Monteros, der in Ecuador Claus Kleber und ¿Quién quiere ser millonario?– Moderator in einer Person ist.

Die Dementierungsgelegenheit ergab sich für mich nicht – niemand trat mit der Hiobsbotschaft an mich heran. Aber ich darf nun kompensatorisch für meine weitreichende Leserschaft schreiben: Zittert nicht, er lebt! Und er nahm uns als Freunde seines Sohnes sogar mit ins Nachrichtenstudio.

Espinosa sieht ein bisschen aus wie Karl Lagerfeld, ist seit 45 Jahren Journalist und trotzdem vor jeder seiner Sendungen ein bisschen nervös.

Alfonso Espinosa de los Monteros

Als alter Hase hat er viel zu erzählen, darunter, wie er sechs Monate vor dem Fall der Mauer und kurz danach wieder für Ecuador aus Berlin berichtete. Außerdem interviewte er Helmut Kohl vor dessen letzter Wahl. Espinosa erzählte mir, dass er damals noch keine Kamera hatte und sich daher eine Amateurkamera besorgte, die ihm jedoch auf den Rückweg über Bogotá mitsamt Bändern gestohlen wurde. Laut eigener Aussage war dies eines der schlimmsten Momente seines Lebens.

Jüngst wurde ihm und seiner Frau zum 40. Hochzeitstag gratuliert. Vielleicht konnten sich die Ecuadorianer einfach nicht vorstellen, dass es jemand so lange mit seiner Frau aushält und deshalb irgendwann einfach stirbt. Vielleicht ist eine Ente aber auch das Sensationsheischendste, das man über den sympathischen Mann berichten kann.

El Greco et al

El Greco (1541-1614): “Die Büßende Magdalena”, ca. 1580-86, Öl auf Leinwand, 104,6 x 84,3 cm, © The Nelson-Atkins Museum of Art, Kansas City, Missouri, William Rockhill Nelson Trust, 30-35, Foto: Jamison Miller

Spanien ist ein Land voller frappierender Gegensätze. Erzkatholisch, wo die meisten Kinder nur das Elternhaus verlassen, um zu heiraten, legalisiert es 2005 als dritter Staat weltweit die gleichgeschlechtliche Ehe. Erzkatholisch war Spanien auch schon im 16. Jahrhundert, Inquisition inklusive. Aber während der erste Kunsthistoriker Giorgio Vasari im Venedig der Renaissance versuchte, den herausragenden Maler Tintoretto in die Schranken der perfekten Technik zu weisen (es aber nicht schaffte), konnte El Greco im Toledo des Siglo de Oro noch einen Schritt weiter als „das Färberlein“ gehen und sich über die naturalistische Malerei des wichtigsten Porträtmalers seiner Zeit, Diego Velázquez, hinwegsetzen.

Heute bezeichnen die meisten Menschen, die es wissen müssen, El Greco als einen der größten Maler des Abendlandes. Einer von ihnen war Julius Meier-Graefe (1867-1935), deutscher Kunsthistoriker und Schriftsteller. Auf seiner Spanischen Reise entdeckte er, der im Prado Velázquez gesucht hatte, 1908 den Griechen Doménikos Theotokópulos:

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Nobelmaler

Hermann Hesse, 1927, Foto: Gret Widmann

Ein Schriftsteller mittleren Alters, bitterarm, bekommt von seinem Arzt, Josef Bernhard Lang, einem Mitarbeiter von C.G. Jung, aufgetragen, gegen seine Depression anzumalen. Im Tessin beginnt er dies, trotz immer wiederkehrender Selbstzweifel.

Schon wieder ein Künstler, dem sein ursprüngliches Medium nicht genug ist! Der sich auch in einer anderen Kunst versuchen will! Dieser Künstler hat jedoch nicht nur einzelne Miesepeter, sondern eine ganze Nation gegen sich. Vor und während des Ersten Weltkriegs ist er einer der wenigen, die sich gegen Nationalismus und Völkerhass aussprechen und dafür als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet werden.

Hermann Hesses Malversuche beginnen zögerlich und bleiben voller Demut, wie seine Lyrik. Die Show stiehlt er niemandem, aber er verdichtet wie kein anderer Bilder zu einer einzigartigen Stimmung, wie sie auch in seinen Romanen und Geschichten zu finden ist: geistvolle, häufig melancholische Betrachtungen ländlicher Szenen, Tages- und Jahreszeiten, Blumen, Bäume, Berge. Nur er konnte den weisen, aber heute leider sehr klischeebeladenen Satz schreiben: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“

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