Sternengreifer

1. Oktober 2014
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Thomas Ruff, Foto Michael W. Driesch

Der schlicht gekleidete Thomas Ruff scheint auf den ersten Blick nicht so ganz zu seinem imposanten, etliche Meter hohen Atelier zu passen, in welchem er mich ausgesprochen höflich empfängt. Doch schnell wird mir klar, dass der Fotokünstler weniger bestrebt ist, zu beeindrucken, als vielmehr danach, optimale Arbeits- und Lichtbedingungen zu schaffen. Unser Gespräch verläuft ähnlich konzentriert auf das Wesentliche: Ruff gibt ebenso nüchtern wie bereitwillig Auskunft über eine jahrzehntelange Expedition in Bereiche, zu denen das bloße Auge keinen Zugang hat.

Ruffs aktuelle Ausstellung Lichten in der Kunsthalle Düsseldorf, die zuvor im Genter S.M.A.C.K. zu sehen gewesen ist, dokumentiert fünf seiner zahlreichen künstlerischen Stationen aus 35 Jahren Schaffen. Dem Titel der Ausstellung kann ich zwar einiges abgewinnen – er klingt poetisch, bietet eine beachtliche Zahl an Assoziationsmöglichkeiten und ist, wie Ruff betont, mit Flämisch und Deutsch kompatibel. Doch ein treffenderer Titel der Ausstellung, die ohne Ruffs berühmte Portraits auskommen muss, hätte sich eher auf die Aufnahmetechniken beziehen müssen. Besonders hervorzuheben ist nämlich nicht etwa das Licht, sondern die Tatsache, dass, entsprechend der Entwicklungsstufe der Fotografie, jeweils andere Techniken eingesetzt wurden. Selbst Ruff räumt lachend ein, dass das Konzept der Ausstellung „ein bisschen eierig“ sei.

Betrachtet Thomas Ruff heute seine erste („schöne, kleine, intime“) Serie Interieurs (1979 bis 1983), sieht der damalige Bernd und Hilla Becher-Schüler „historische Fotografien“ der Wohnungen von Familienangehörigen und Eltern seiner Kommilitonen. Damals fotografierte er analog, veränderte nichts an der Einrichtung, setzte nicht einmal Licht. Später nutzte er auch andere bildgebende Verfahren, wie beispielsweise für die Serie Sterne (1989 bis 1992) die Bilder eines Spezial-Teleskopobjektivs der in Chile stationierten Europäischen Südsternwarte. Fasziniert von den Restlichtverstärkern, die die Amerikaner im Zweiten Golfkrieg einsetzten, um nachts sehen zu können, und schockiert darüber, wie der Krieg durch das Fernsehen in deutsche Wohnzimmer gelangte, kaufte Ruff selbst eine sogenannte Nachtsichtkamera, erklärte Düsseldorf zum „Kriegsgebiet“ und fotografierte die Serie Nächte (1992 bis 1996). Seit 2012 arbeitet er an der Serie Photogramme: Da eine echte Dunkelkammer keine Bilder in seiner Wunschgröße 1,80 x 2,50 Meter liefern kann, beschloss er, eine digitale Version für das im 19. Jahrhundert entstandene Verfahren zu erschaffen. Anstatt also Objekte auf Fotopapier direkt zu belichten, simuliert er die Fotogramme in einer virtuellen Dunkelkammer und „rendert“ das Verfahren, seit 2014 auch mithilfe des Supercomputers JUROPA des Forschungszentrums Jülich. Auf diese Weise kann er farbiges Licht, eingefärbte Objekte sowie „verrücktere Materialien“ verwenden und spart sich – weil er nicht seine sechs PCs und drei Macs, sondern den Supercomputer beschäftigt – Monate an Wartezeit.

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Thomas Ruff: „neg_india_07“, 2014,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Bereits während seines Studiums hat Thomas Ruff gelernt, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen. Damals war die Fotografie kaum als Kunst akzeptiert und die Studierenden mussten davon ausgehen, dass sie ihren Lebensunterhalt anders würden verdienen müssen. Somit konnte Ruff in aller Ruhe, ohne Erfolgsdruck, seine Fotografie sukzessive weiter entwickeln. Ebenso konsequent nutzte er später die ungewöhnliche Freiheit, Teil der Entstehung einer neuen Kunstgattung zu sein. Aus seiner Zeit als Professor der Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie (2000 bis 2006) hat er nur wenig von den Studierenden gelernt. „Studierende müssen sich erst einmal an dem abarbeiten, was schon seit 20 Jahren praktiziert wird“, erklärt er gelassen. Dennoch, so führt er weiter aus, hätten sie im Gegensatz zu seiner Generation zumindest die Aussicht darauf, einmal mit ihrer Kunst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dies verhindere allerdings, dass sie wagen würden, sich auf unbekannte Wege zu begeben.

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Impressionen aus dem Düsseldorfer Atelier
von Thomas Ruff, gebaut von den Schweizer
Architekten Herzog & de Meuron,
Foto Michael W. Driesch

Nachdem Ende der 1980er die bildende Kunst gesellschaftsfähig wurde, Museen und Galerien entstanden und die Nachfrage nach sachlicher Kunst stieg, kam für die objektive Fotografie und somit auch für Thomas Ruff der Durchbruch: Seine Porträts schockierten in ihrer Größe, Präzision, physischen Präsenz – und lockten Publikum wie Sammler an. Dieser Weg hat ihm offensichtlich eine ungewöhnliche Gelassenheit beschert, die sich durch häufiges verstecktes Schmunzeln, aber auch in seiner Arbeitsweise manifestiert. Grinsend erzählt er, dass er mit seiner Nachtsichtkamera statt, wie ursprünglich geplant, strategisch wichtige Punkte wie Bahnhöfe und Flughäfen, von Wohnzimmern aus Hinterhöfe fotografiert habe, weil ihm der Winter zu kalt gewesen sei.

Für seine Werke legt der Wissenschaftler in ihm eine unendliche Geduld und entschiedene Akribie an den Tag. Die über 600 Negative im Format 30 x 30 Zentimeter für die Serie Sterne mussten zunächst kategorisiert und anschließend exemplarisch ausgewählt werden. Ob nur kleinere Sterne, ein paar größere im Vordergrund, Galaxienhaufen, interplanetarische Nebel, Gas- und dunkle Wolken – Ruff entwickelte sechs Kategorien für die Ausschnitte des Alls von jeweils circa 5°, was ungefähr dem Durchmesser des Mondes entspricht. Eine ähnlich aufwendige Arbeit beansprucht ihn seit diesem Jahr im Rahmen der Serie Negative. Ruff sucht in Internet und Büchern nach Material, er will alle Genres – von Porträts über Akte, Landschaften, Stillleben, Tanz, Theater und ethnografische Fotografien – berücksichtigen. Hat er die richtigen Motive ausfindig gemacht, dreht er sie um und entwickelt sie durch Invertierung, sodass statt der bekannten Sepiafärbung ein Blauton entsteht. Die Serie ist noch nicht abgeschlossen, doch in der aktuellen Ausstellung leuchten dem Betrachter bereits indische Maharadschas und Künstlerateliers aus dem 19. Jahrhundert sowie Akte von Anfang des 20. Jahrhunderts entgegen.

Als der Fotokünstler Thomas Ruff zum ersten Mal aus mangelndem technischen Equipment die Bilder einer Sternwarte für seine Kunst nutzte, musste er lange mit sich ringen. Heute sind über die Hälfte der Werke, die seine Ausstellung in der Kunsthalle zeigt, maschinell oder durch andere Menschen aufgenommen worden. Sein Streben nach wissenschaftlicher Objektivität und die Faszination für die aktuellsten technischen Möglichkeiten haben sich letztendlich durchgesetzt. Mit aufrichtigem Staunen über das Leben lichtet Ruff die Fotografie aus, dringt in Gebiete vor, die für uns aus anatomischen Gründen nicht sichtbar sind, und sucht mit wissenschaftlichem Forschergeist nach dem wahren Bild – wovon er noch viele zu finden gedenkt. Darüber hinaus wirft er durch die Serie Photogramme weiterführende Fragen nach der Einzigartigkeit von Kunst auf, weil hier nicht nur das Bild selbst, sondern auch sein Entstehungsmoment unendlich oft reproduzierbar werden. Aber genug der Theorie. Machen wir in der Kunsthalle lieber Jahrtausende altes Licht oder die letzten Lichtelektronen der Nacht aus.

 

Kunsthalle Düsseldorf – Thomas Ruff: Lichten, bis 11.01.15

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