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Vietnam für Anfänger

Tja, liebe Leser. So kann’s gehen. Diese seltsame Übelkeit hielt etwa zwei Wochen an. Währenddessen lief ich als Zombie rum (mit dem Unterschied, dass mir Fleisch extrem zuwider war, was man von Zombies ja, wie allgemein bekannt, nicht behaupten kann). Dabei reiste ich durch das Mekongdelta, besuchte Ho Chi Minh City und landete schließlich immer noch angeschlagen in Nha Trang. Diesen Ort erkor ich deshalb zu meiner Reha und ließ Mélanie, die eh eine Woche später wieder nach Deutschland zurückmusste, alleine weiter gen Norden ziehen.

Obwohl nicht viele Eindrücke zu mir durchdrangen habe ich natürlich fast alles am Mekongdelta mitgemacht. Von Chao Doc organisierten wir eine Fahrt nach Vinh Long, von dort wiederum ein sogenanntes homestay. Wow, klingt erst mal total nach tiefstem Eintauchen in die vietnamesische Kultur. War aber eigentlich nur wie wohnen in einem besseren Hostel. Als ich ankam legte ich mich erst mal ins asiatisch-romantisch schöne Bett, denn es war noch Zeit bis zum Abendessen.

Es war vorgesehen, dieses gemeinsam mit der Familie zuzubereiten. Tatsächlich aber lernten wir nur, wie gebratene Frühlingsrollen gemacht werden. Zugegebenermaßen mit einer äußerst motivierten und vor allem süßen Mitschülerin.

Das Essen selbst fand ich aus zwei Gründen frustrierend. Es wurde erstens von einer mürrischen Teenagerin serviert, die kaum mit uns sprach, und zweitens war es zwar lecker, aber ich konnte kaum was davon essen. Zwei Gründe mehr, einfach wieder ins Bett zu gehen. Mélanie unterhielt sich den Abend über mit den Eltern einer ihrer Schulfreundinnen, die zufällig auch in dem (nennen wir es mal:) Privathotel Urlaub machten. Leider verpennte ich ohne es zu wissen das tolle Spiel der Deutschen im Achtelfinale. Na super.

Am nächsten Tag gab’s das obligatorische Touriprogramm. Ihr habt ja schon gemerkt, dass ich keine Freundin davon bin, daher nur die Kurzversion: Wir fuhren kurz an einem floating market vorbei und sahen live, wie Reis in Waffeln verwandelt wurden. Ebenso durften wir einer vietnamesischen Musiktheatervorstellung in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert beiwohnen…

… und bei der Herstellung von Kokusnussbonbons dabei sein. (Da fällt mir ein, dass Mélanie welche gekauft hat und ich hatte gar nichts davon. Zu spät, jetzt ist sie weg, manno.)
Außerdem fuhren wir auf einem Floß à la vietnamesisch…

… und mit einem Fahrrad durch die Obstgärten, für die diese Region bekannt ist.
Eine nette, junge Vietnamesin führte uns herum, erklärte alles geduldigst auf Französisch und ich nutzte die Gunst der Stunde, um ihr alle möglichen Fragen zu stellen. Zum Beispiel die nach dem Grund für die typischen vietnamesischen Hüte.

Die Antwort: Sie sind einfach unglaublich praktisch! Als Sonnenschutz, als Fächer, als Sitzunterlage, als Tarnkappe, zum Fang-den-Hut-Spielen (OK, letzteres hat sie nicht wirklich gesagt). Mélanie hielt unterdessen wie immer überall an, um Fotos zu machen. Ich glaube, die kleine Vietnamesin war am Ende froh, uns wieder loszuwerden.

Good morning, Vietnam! Mist, falscher Fuß…

Schon geschwächt von einem Tag nichts essen trat ich die Bootsfahrt auf dem Mekong von Phnom Penh nach Chao Doc (Vietnam) an.

In Kambodscha war noch alles in Ordnung. Wir hatten sogar daran gedacht, zeitig das Visum für Vietnam zu beantragen. In einem Minivan fuhren wir zwei Stunden lang bis zum Ufer und machten uns währenddessen – wie sich später herausstellte: absolut unberechtigterweise – Sorgen, dass wir die ganze Zeit nur im Bus und am Ende kaum in einem Boot sitzen würden.
Eine junge Frau stieg zwischendurch hinzu und legte mir aus irgendeinem Grund ihr Kulleraugen-Baby in den Schoß. Wie viele asiatische Kleinkinder hatte es keine Windeln an, aber den Drahtseilakt zwischen Mutterinstinkt/Höflichkeit und der Tatsache, nur eine bequeme Reisehose zu besitzen, meisterte ich mit Bravour. Das Boot, das uns anschließend bis zur Grenze brachte, hatte sogar eine Toilette und wir auf den Bänken viel Platz zum Hinlegen.

Erster Eindruck von Vietnam.

In Vietnam mussten wir die Boote wechseln und da fing es an. Wieder eines ohne Toilette. OK, mittlerweile habe ich meine Blase trainiert. Warum mich jedoch auf einmal die Müdigkeit so plötzlich überfiel, weiß ich nicht. Ich schiebe es mal auf drei Faktoren:

1) Die Malariaprophylaxe. Habe sie daraufhin abgesetzt und hoffe auf mein Glück, dass Malaria weiterhin ein nettes exotisches Wort für mich bleibt und mich nicht weiter tangieren wird.
2) Schlafmangel.
3) Auf einer Weltreise ist es ja so, dass man jeden Tag neue Dinge entdeckt, mit denen man beim besten Willen nicht rechnen konnte. Das ist durchaus so gewollt. Wenn man allerdings zu wenig Zeit hat, alles zu verarbeiten und länger an einem Ort zu bleiben, stellt sich eine Art Übermüdungseffekt ein. Und ob Ihr es glaubt oder nicht, asiatische Länder haben im Grunde nur eins gemeinsam: Sie sind uns Europäern völlig fremd. Vietnam ist anders als Kambodscha und Thailand auf keinen Fall mit China zu vergleichen. Deshalb konnte und wollte ich auf einmal, für mich völlig untypisch, nichts Neues mehr sehen.

In diesem energielosen Zustand kamen wir nun in Chao Doc an und wurden wie üblich sofort von bereitwilligen Transportmittelfahrern umringt, für die ich nur noch ein müdes Lächeln übrig hatte. Von Chao Doc gibt es im Lonely Planet keine Karte, also mussten wir uns durchfragen, wollten wir nicht ihre Dienste in Anspruch nehmen. Drei Mal dürft Ihr raten, wie auskunftsfreudig die Chao Docaner waren. Das lag nicht etwa an Bösartigkeit, sondern an der Tatsache, dass wir die einzigen Westler in diesem Dorf waren und sie absolut kein Englisch konnten. Mein Gehirn funktionierte auch nicht mehr so optimal und da war dann auch die neue Währung durchaus eine kleine intellektuelle Herausforderung. Waren in Kambodscha ein Euro noch 4000 Riel, ist ersterer in Vietnam 19000 Dong wert. Irgendwann sah ich nur noch Nullen.

Zweiter Eindruck von Vietnam.

Zur Aufmunterung beschlossen wir am Abend, auf einem Markt der Einheimischen ganz viele exotische Dinge zu probieren.
Erst entdeckten wir klebrigen Reis, der Rosinen und eine Wurst enthielt und in Bananenblätter eingewickelt war. Wir lachten uns halb tot über die kreative Kombination, natürlich in sicherer Entfernung vom Verkäufer. Später erkannten wir, dass die Wurst eigentlich eine Banane gewesen war.
Dann kamen wir an einem Stand mit seltsamen Waren vorbei. Ich wollte sie mir genauer anschauen, und sofort kam der Verkäufer auf mich zugestürzt. Es war ein Ladyboy, aber, so muss ich leider gestehen, ein sehr hässlicher. Man konnte ihn sofort enttarnen, das einzig Weibliche an ihm waren seine rot lackierten, langen Fingernägel, sein Pferdeschwanz und sein Gang. Aber er war trotzdem ein sehr netter – Fleischverkäufer. Er war so nett, dass ich aus Höflichkeit bei ihm etwas bestellte. Ich weiß bis heute nicht, was es ist, aber es sah am wenigsten eklig aus. Es schmeckte scheußlich. Meine schauspielerischen Qualitäten scheinen enorm zu sein, denn als ich alles hinuntergewürgt hatte, klatschte er zuvorkommend noch eine Scheibe der Fleischrestepastete auf meinen Teller. Ich wollte und will dieses „Essen“ nie wieder sehen. Aber es sollte mir noch einmal unter die Augen kommen, und zwar am nächsten Morgen in der Kloschüssel. Seitdem überlege ich mir ernsthaft, Vegetarierin zu werden.
(An dieser Stelle bietet sich der folgende lesenswerte – weil originell und gut geschrieben – Buchtipp an: Michel Faber: Die Weltenwanderin.)

Die Fahrt nach Vinh Long gestaltete sich auch nicht besonders angenehm. Wir saßen ganz hinten gequetscht in einem Minivan. Sind wir gewohnt. Aber nicht, wenn ein nach Zigaretten und Alkohol stinkender Mann versucht, seine Extremitäten auf Mélanies Schoß zu platzieren.

Seit zwei Tagen kann ich nun nichts essen, ohne dass mir übel wird. Ihr denkt, dass sei noch nicht genug des falschen Fußes? Während ich dies schreibe schläft gerade mein Rechter ein, denn ich muss mein Bein in einer seltsamen Position halten, um eine Verbrennung geschätzten zweiten Grades, so groß wie meine Kniescheibe, zu kühlen. Auch vom Moped sollte man mit dem richtigen Fuß steigen.