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Nach dem „sky“ das „scuba“

Merke: Beginne nie, die Unterwasserwelt am Great Barrier Reef zu entdecken. Das ist ungefähr so, als würde man nach einem fünf Sterne Menü den Nachtisch bei McDonald’s einnehmen. Die beeindruckende Erfahrung in Australien (siehe “Anke im Wunderland”, 26. Mai 2010) wollte ich in Thailand noch steigern. Leider hatte die zu hohe Wassertemperatur (bis zu 34º C) die Korallen ausgeblichen, das Wetter war suboptimal, die Sicht nicht gerade berauschend. Aber trotz allem, Ihr habt es vielleicht schon am Titel erraten, bin ich nun stolze Besitzerin eines Tauchscheins. Genauer gesagt: eines PADY Open Water Diver.

Zwei Tage lang üben im Schwimmbad, zwei Tage lang Übungen auf offenem Meer. Und davor die ganze vierstündige Theorie auf DVD inklusive eines unlustigen Clowns. Den anschließenden Test habe ich mit Bravour bestanden. Ich weiß jetzt, was Bar sind, wie sich Luft verhält und warum sich Farben und Licht unter Wasser verändern. Mein ehemaliger Physiklehrer hätte das wohl nie von mir gedacht. Wie so oft hat sich bestätigt: Wenn man weiß, wofür man etwas braucht, dann kann man es auch schnell lernen.

Mein netter Tauchlehrer.

Die Übungen im Schwimmbad haben mir noch Angst gemacht, aber ich habe eine Taktik entwickelt, die irgendwie funktioniert hat. Ich war zwar nicht ruhig, aber ich habe so getan als ob. Und dann war ich es auch irgendwann. Höre nie auf zu atmen. Man kann die Maske abnehmen und trotzdem durch den Mund weiteratmen. Man kann nicht durch die Augen ertrinken. Es gibt eine alternative Luftversorgung. Auf dem Finimeter kann man immer den Stand der Luft überprüfen. Man kann das Mundstück aus dem Mund nehmen und wieder reintun. Ich konnte erst meine Luftröhre nicht von meiner Speiseröhre unterscheiden und musste immer aufstoßen. Kann man Luft essen? Durch die Atmung kann man die Position des Körpers im Wasser verändern. Diese Gedanken verfolgte ich hauptsächlich im Schwimmbad.

Auf offenem Meer, also da, wo man nicht einfach mal kurz wieder auftauchen kann wenn was nicht so klappt, werden die Übungen ernster. Aber da machen sie so viel mehr Spaß! Bei der zwischenmenschlichen Kommunikation gibt’s keine Zwischentöne, kein Beleidigtsein, keine philosophischen Diskussionen. An erster Stelle steht Überleben und die Verständigung läuft über Handzeichen. OK, knappe Luft, auftauchen, abtauchen, stopp, Steinfisch (gefährlich), lustig. Alles andere, und das schreibe ich, obwohl ich am Great Barrier Reef schnorcheln war und ich es absolut nicht mag, dass meine Finger schrumpelig werden, ist einfach nur Bewunderung für das, was die Natur so unter Wasser erschaffen hat. Die Korallen, die neugierigen Fische, die riesigen Fischschwärme, selbst die Seeigel, deren After oben ist (und wo man denkt, es sei ihr Auge) und das Leben auf dem Grund sind so interessant, dass ich gar nicht mehr auftauchen wollte.

Oben ist die Welt wieder laut, die Ausrüstung schwer und ich nicht mehr ganz so anmutig wie schwebend unter Wasser. Aber wie die DVD der amerikanischen Organisation ununterbrochen suggerierte: „divers have more fun than normal people“.

Ich finde, „fun“ ist ein Understatement.

Ein Leben auf Koh Chang 2

Die Nebensaison und die Ereignisse in Bangkok bewirken, dass in Thailand kaum Touristen weilen. Die thailändischen Kellner sind auf Sparmodus eingestellt und sitzen neben den wenigen Gästen, spielen Karten, unterhalten sich, kein Stress weit und breit. Jeden Abend ist eine andere Bar dran, eine Party zu organisieren. So werden die Touristen der ganzen Insel abends vereint. Hier ein Beispiel für eine gut besuchte Party, die aber eher eine Ausnahme darstellt:

Eine von vielen kreativen, gemütlichen Bars der Insel.

Das gratis Grillangebot und die Happy Hour, die den ganzen Abend in einer anderen Form stattgefunden hat, zogen die wenigen Touris magisch in die kleine Butze. Es gab güstige Getränke, barfuß Tanzen, Limbo mit Whiskey als Gewinn, einen House-DJ, dem es absolut egal war, ob die Leute zu seiner Musik tanzen wollten oder nicht (wenn Ihr mich fragt, der Mann hat seinen Beruf verfehlt), Feuershows, Menschen aus aller Welt inklusive Thais, darunter ein ehemaliger dänischer Soldat, der gerade aus Afghanistan zurück gekommen ist, und eine Chilenin, die seit zwei Jahren um die Welt reist, Unmittelbarkeit zu Mutter Erde in Form von Sand, Dreck, Palmen, Meer, Moskitos und Schweiß. Na, wenn das mal keinen Neid aufkommen lässt.

Ich habe auch zum ersten Mal in meinem Leben einen Roller gefahren.

Stolz bin ich einen ganzen Tag lang die gewundenen und hügeligen Straßen der Insel entlang gecruist, habe Bilder gemacht, Elefaten gegrüßt

und fast ein Affenbaby adoptiert, das mein Herz im Sturm erobert hat, nachdem es eine Zitrone auf meinem Beinen hockend gemampft und dabei den ganzen Saft darauf verteilt hat. Ich bin wieder mit der Affenwelt versöhnt, nachdem mich damals in Thailand einer gebissen hat.

Ein Leben auf Koh Chang 1

Ruhe wäre zu viel gesagt. OK, es gibt hier keinen Hahn. Aber es gibt ein sehr lautes Meer, das einen immer daran erinnert, dass man am Strand wohnt. Das Wachstum der Tourismusbranche manifestiert sich akustisch in Form von Presslufthämmern ab acht Uhr morgens. An der Wand meines Bungalows kleben Moskitoleichen. Ich weiß nicht, warum sie immer mich stechen, aber irgendwie scheine ich Zielobjekt Nummer eins zu sein. Ich bin dazu übergegangen, jeden Tag scharf zu essen, damit sie mein Blut nicht mehr wollen. Irgendein Sinn muss diese unmenschliche Schärfe im thailändischen Essen ja haben.

Einer von vielen tierischen Mitbewohnern.

Aber bevor Ihr jetzt denkt, dass es hier stressig und blöd ist: NEIN! Ich befinde mich seit einigen Tagen in einer Paradiesvorstufe. Hier gibt es leckeres, erschwingliches Essen. Ich muss nichts tun. Ich kann im Grunde den ganzen Tag in meinem Bungalow hocken, was ich natürlich nicht tue, denn ich kann genausogut den ganzen Tag in der Bar hocken. Was ich tue.

Restaurant, Bar, Lounge, Chill-out Zone. Was man eben für sich draus machen will.

Und dabei trinke ich Shakes, wahlweise mit Mango, Kokosnuss, Papaya, Wassermelone. Manchmal zeichne ich. Manchmal lese ich. Manchmal beobachte ich Tiere, zum Beispiel freilaufende Hunde, Katzen oder gar Kühe.

Manchmal schaue ich aufs Meer, das, wie ich festgestellt habe, einen eigenen Charakter besitzt und natürlich der VIP hier ist.

Die Wellen kommen mit einem solchen Lebenswillen an der Küste an, dass ich mittlerweile von der Existenz Poseidons überzeugt bin. Jeden Tag bade ich in der warmen Suppe und versuche, beim hohen Wellengang nicht zu ertrinken. Es gibt nicht viele Menschen hier, die mich retten könnten. Manchmal sitze ich ergriffen da und schaue mir die unglaublichsten Sonnenuntergänge an.

Ohne Photoshop.

Nachts kann man auf den schwarzen Horizont schauen und die Lichter der Fischerboote entdecken.