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Klosterleben 1

Bis zu diesem Retreat mit Rosemary und Steve Weissman in Wat Kow Tahm (Koh Panghan, Thailand) wusste ich nicht einmal, dass ich es so lange schweigend mit mir aushalten kann. OK, das war gelogen. Ich bin immerhin vor acht Jahren schonmal in einem thailändischen Kloster gewesen. Auch zehn Tage lang. Aber ich glaube, damals war ich einfach zu jung dafür. Ich brach die Regeln. Ich begann zu malen und zu schreiben, obwohl ich eigentlich allein in meiner Hütte hätte meditieren sollen. Natürlich schrieb ich ausschließlich spirituell wertvolle Texte, die ich nur ausgewählten Menschen zeigen kann. Aber einen Satz möchte ich Euch dann doch nicht vorenthalten, denn er spiegelt sehr gut wider, wie es mir damals ging. Ich schrieb: „Als ein Hahn vorbeikam sagte ich ‘Hahn’.“

Auch dieses Mal brach ich zwei Regeln. Jede jeweils ein Mal. Es war nämlich so, dass ich auf Toilette gehen wollte und da schon jemand saß. Ein Mitmeditierer, der offensichtlich nicht abgeschlossen hatte. Einen hockenden Mann auf einer Squadtoilette zu sehen hat mich so geschockt, dass meinem zum Schweigen verurteilten Munde ein „Sorry“ entwischte. Das war der erste Regelbruch, doch der zweite folgte auf dem Fuße. Ein Märchen begann in meinem Kopf gestalt anzunehmen und alle Techniken der Geistesbeherrschung, die ich bis dahin gelernt hatte, konnten mich nicht davon abhalten, es weiterzuspinnen. Ich lachte mich ganz allein halb tot und konnte nicht umhin, dieses Märchen trotz Schreibverbot schriftlich festzuhalten. Einen zentralen Satz möchte ich Euch nicht vorenthalten, damit Ihr wisst, worum es so ungefähr geht: „Da sprach der König in feierlichem Tone: ‘Sohn, wenn Du eine Frau willst, musst Du eine nehmen, die auf Toilette geht. Es gibt nämlich keine anderen.’“

Das alles habe ich nur geschrieben, damit Ihr überhaupt meinen Eintrag über einen zehn Tage Meditations-Retreat lest. Als Eyecatcher sozusagen. Jetzt folgt nämlich der spirituelle Teil und es wird laaaaaangweilig. Aber ich habe meine Entertainmentpflicht getan. Entertainment ist auch schon ein gutes Stichwort. Eine Sache, die ich nämlich in Ansätzen gelernt habe ist, das Leben so zu betrachten, wie es ist. Ohne den Entertainmentschnickschnack. Ganz schön ernüchternd – und befreiend. Als Literaturwissenschaftlerin habe ich direkt mal Parallelen zu Derrida und dem ganzen Dekonstruktivismus gezogen. Es ist nämlich so, dass man alles in seine kleinsten Teile zerlegen und sich alles einzeln anschauen kann. Nicht, wie andere sagen, dass es ist und auch nicht, wie ich mir wünsche, das es ist. Objektiv eben.

Wenn ich zum Beispiel dasitze und ein Mitmeditierer seine Trinkflasche zum zehnten Mal öffnet und ich an seinem Schlucken erkennen kann, dass er das braune Wasser, das da unser Trinkwasser war, eher runterwürgt als schluckt, dann notierte mein Geist im besten Falle lediglich „hearing“ statt: „man, kann der nicht mal vor der Sitzung trinken und überhaupt, könnte der nicht mal leiser schlucken, immerhin sitzen wir alle im selben Boot, da muss man ja keine Extrawurst kriegen, seine Körperbeherrschung kann er mal direkt mittrainieren, ich muss auch gleich noch Wasser holen, irgendwie vergess ich das immer, man, dann muss ich auch noch den Berg runterlaufen und dann wieder hoch, boah, der ist so steil, aber hey Anke, denk mal positiv, erstens trainierst du deinen Hintern und zweitens ist das ja das Coole am Kloster dass es auf einem Berg liegt und diese Hammerausssicht, ich muss gleich unbedingt noch zum Aussichtspunkt, immerhin bin ich nur zehn Tage hier und jetzt sind’s nur noch drei, Gott sei Dank, ich kann langsam nicht mehr, mein Rücken tut weh…“. Ihr versteht was ich meine.

Aber nicht nur Sinneswahrnehmungen können diese Gedankenketten auslösen. Uns wurden die fünf Hindernisse erläutert, die uns daran hindern, im Jetzt zu leben. Die da wären: Verlangen, Abneigung, Trägheit, Rastlosigkeit und Zweifel. Alles andere lässt sich einer der fünf Hauptkategorien unterordnen. Glaubt Ihr nicht? Ich weiß es, ES STIMMT. Hier noch ein Beispiel für Verlangen: „man, ich will endlich, dass die Sitzung zu Ende ist, wann klingelt die denn, damit ich meine Beine ausstrecken kann, meine Füße sind beide eingeschlafen und überhaupt, ich hab Hunger, aber es gibt ja eh immer das gleiche, würde so gerne nochmal Schokolade essen…“ Wenn ich das fühle, dann denke ich im Idealfall einfach nur „Verlangen“ und kehre zur Meditation zurück. Geht auch mit „Angst“, voll praktisch. Denn die Angst an sich ist in dem Moment gar nicht real, sondern nur ein selbstgemachtes Produkt. Mich bedroht ja nichts unmittelbar. Prima Übungen zum Loslassen.

Miss Saigon

Ho Chi Minh City fühlte sich ganz anders an als das letzte Mal. Diesmal war es aufregend. Es geht fast nichts über das Gefühl, dank vietnamesischer Connections einen guten Preis mit dem Mototaxifahrer ausgehandelt zu haben und dann frei wie ein Vogel durch die Stadt zu düsen, im Slalom zu fahren und sich zwinschen den Verkehrsmitteln hindurchzuzwängen. Einen der überraschenderweise seltenen Unfälle zu beobachten erhöht den Nervenkitzel.

Ihr vermutet es schon: Mein Abenteuersinn ist wieder da. Ich kann wieder seltsames Essen ausprobieren, auf die Leute zugehen und mich auf die Kultur einlassen. Ich hatte aber auch in der letzten Zeit neben den tollen Leuten um mich herum, dem gewohnten westlichen Essen, endlich Klopapier und dem Strand eine besonders dankbare Aufgabe: Ein geheimnisvoller Spender ist aus der Kirche ausgetreten und hat mir seine „Kirchensteuer“ überwiesen, damit ich das Geld direkt an die Leute hier verteile. Eine bessere Aufgabe kann man gar nicht haben, finde ich. Die leuchtend dankbaren Gesichter müsste man direkt fotografieren, da bleibt kein Auge trocken.

Ausblick von meinem Hostel in Ho Chi Minh City.

Und wo wir schon beim Geben sind: Meine Reise ist bald zu Ende und ich wollte sie gerne mit einem spirituellen Höhepunkt abschließen. Das ist auch der Grund, weshalb ich so viele Posts an einem Tag veröffentliche, denn ab morgen werde ich für zehn Tage in ein buddhistisches Kloster gehen und lernen, loszulassen. Oder in loving kindness zu leben. Oder was auch immer, aber es ist etwas Gutes. Der sogenannte Meditation Retreat ist international ausgerichtet und laut der Menschen, die diesen bereits besucht haben, lebensverändernd. Und damit Ihr eine Vorstellung habt, wo ich die nächsten Tage so um vier Uhr vom harten Boden aufstehen werde, hier der Link.

Für alle Schnellmerker: Ja, ich habe eine strapaziöse Reise hinter mir. Aber es ist möglich, an einem Tag von Ho Chi Minh City (Vietnam) nach Koh Phangan (Thailand) zu kommen. Ich bin stolz auf mein Organisationstalent. Zwei separat gebuchte Flüge, Stopp in Bangkok, von Surat Thani mit dem Bus zur Fähre und mit der Fähre zur Insel und das alles in nur 16 Stunden ab sechs Uhr morgens, ohne Reiseführer aber mit einem netten Bruder in Deutschland, der Auszüge aus seinem für mich abtippt (danke liebes Bruderherz!).

Auf der Fähre habe ich übrigens endlich eine spürbare Veränderung in mir feststellen können. Ich bin ja eher der Schisser was Akrobatisches und sonstwie Gewagtes angeht. Aber als ich da so oben an der Reling stand und die geschätzten sechs Meter ins Wasser guckte wollte ich nichts lieber, als mit vollem Anlauf in die See springen. Das wär mir früher nicht mal eingefallen. Yesssss.

Bis bald, liebe Freunde, Leser und Lesefreunde. Ich schicke Euch zur Überbrückung meiner Abwesenheit ein ganzheitliches OHHHM.

Grenzüberschreitung

Ich bin in Asien. Das merke ich nicht nur an den schönen Stränden, sondern auch an den Grenzen. Diese werden hier regelmäßig überschritten, getestet und nach Bedarf ausgeweitet. Hauptsache mal die weiße Frau übers Ohr gehauen. Diesmal wollte ich eine Grenze überqueren, und zwar die von Thailand und Kambodscha, aber auch hier hatte nicht ich die Hosen an.

Als wir in Koh Chang abgeholt wurden, bekamen wir erst mal ein kleines neongrünes Stück Tape, auf dem „REP“ stand. Dies sollte später noch eine bedeutende Rolle spielen, also merkt Euch bitte dieses Detail. Ich erspare Euch die Ausführungen die Minivan, Fähre, und die Fahrt zum Grenzübergang Poi Pet zum Inhalt haben. Das Interessante beginnt, wie schon oben erwähnt, an der Grenze selbst. Die beiden für uns zuständigen Kambodschaner, ein Typ Mitte Dreißig und ein junges Mädchen, waren sehr freundlich, sprachen außergewöhnlich gut Englisch und waren offensichtlich davon überzeugt, dass Deutschland die Fußball-WM gewinnen wird. Prima. Außerdem entwarfen sie für uns naive Touristen ein sehr glaubwürdiges Szenario, das wie folgt aussah:

Wir hatten soeben den Bus verpasst, weil wir nicht, wie alle anderen, aus Bangkok angereist waren. Der nächste Bus würde erst in drei Stunden kommen. Die Fahrt nach unserem Reiseziel Siam Reap würde 4,5 Stunden dauern, und das in einem nichtklimatisierten Bus! Dann wäre es Nacht und kein Hostel würde mehr Zimmer frei haben. Da der Bus nur bis zur Stadtgrenze führe, empfahlen sie uns ein Hostel, dessen Fahrer uns direkt am Stadtrand aufsammeln würde. Gegen einen geringen Aufschlag könnten wir aber auch ein Taxi nehmen und in 1,5 Stunden direkt und sofort zu “unserem” Ziel gelangen.

Gut, dass ich nicht ganz so blauäugig bin wie ich aussehe und ihnen mitteilte, dass mir im Moment Zeit relativ schnurz sei. Der Behördengang über die Grenze dauerte dann schon fast eine Stunde und vollzog sich in drei administrativ komplizierten Etappen. Zwischendurch wurden wir immer wieder aufgefordert, uns hinzusetzen, es sei ja so heiß und der Bus, der uns zur nächsten Behörde bringen würde, sowieso noch nicht da. Es war aber auch so, dass zufälligerweise direkt neben den Sitzgelegenheiten Getränke- und Fressbudenverkäufer ihre Ware anboten. Und seltsamerweise stand der Bus jedesmal schon da, man brauchte eigentlich nur einzusteigen. Mein versuchter Alleingang zum Bankautomaten wurde auch sofort unterbunden.

Was hatten die beiden Freundlichkeiten in Person zu verbergen? Nun, den ganzen Grenzkram hätte man problemlos alleine erledigen können. Touristen aber sind wertvolle Geldgeber, die, einmal in der Hand, nicht so schnell wieder hergegeben werden, auch wenn sie von alleine wieder entschwinden wollen.

Das echte, tatsächliche Szenario sah letztendlich wie folgt aus:
Einmal über die Grenze fuhr unser Bus eine halbe Stunde später. Die Fahrt in einem Schrottbus, der aber individuell einstellbare Belüftungen vorwies, dauerte nicht mehr als drei Stunden. (Das Taxi, in das fünf Leute gequetscht werden, hätte zwei gebraucht.) Im Bus wurde unser “REP”-Tape eingesammelt und auf eine Plastikflasche geklebt. Der Sinn dieser Prozedur ist mir leider entgangen. In Siam Reap angekommen wurden wir direkt zum gewünschten Hotel gefahren. Dank der Nebensaison waren die Zimmerpreise mehr als verhandelbar.

Später stellte sich heraus, dass wir für das Visum nach Kambodscha zehn Dollar zu viel bezahlt haben. Naja, wenigstens haben wir den Fressbuden widerstanden und uns in den Abzockeragenturen Feinde gemacht.