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Auf dem Weg zu Station 1

So aufgeregt und euphorisch Mélanie und ich auch waren, dies wurde schnell gedämpft als wir erfuhren, dass die Maschine von Frankfurt nach San Francisco zum Bersten voll war und wir nicht nebeneinander sitzen konnten. Wir setzten stattdessen auf unseren Charme und tatsächlich, als Mélanie den Alleinreisenden neben sich mit den Wimpern klimpernd fragte: „Reisen Sie allein?“, antwortete er erfreut mit „Ja“; wohl eher, weil er sich auf den Flug mit angenehmer Reisebegleitung freute. Pech für ihn, ich tauchte auf und ihm blieb nichts anderes übrig als meinen Platz zwischen zwei potenziell schnarchenden älteren Herren zu übernehmen. Mein neuer Platz war dann aber auch nicht so toll wenn man bedenkt, dass 90% der Reisenden in diesem Flug grobmotorisch veranlagt waren und mein Platz sich nicht nur am Gang sondern auch als letzter vor dem Klo befand.

Bei -60° Außentemperatur und einer Höhe von über 10.363 m flogen wir also mit 900 km/h auf San Francisco zu – und waren sogar schnell da, denn die Stadt kommt einem ja schließlich dank der Erdumdrehung entgegen. Was für ein Zeichen. Formal gab es dennoch ein paar Hürden zu überwinden und ich musste schriftlich Fragen beantworten, über die ich bisher noch nie nachgedacht hatte. Nachdem ich meine körperhygienischen Werdegang kurz rekapituliert hatte, konnte ich ruhigen Gewissens verneinen, dass ich weder Zellkulturen noch Schnecken mitführte. Nein, ich trage auch nicht zufällig mehr als 10.000 Dollar mit mir herum und bin meines Wissens auch nicht geistig behindert. Was ist eine „unmoralische Handlung“? Ich hätte mir da eine genauere Definition gewünscht um zu beantworten, ob ich vorhätte, mich an einer zu beteiligen. Für Rückfragen war aber kein Platz vorgesehen. Ich sträubte mich innerlich dagegen, völlig auf meine Rechte zu verzichten, sollten martialische COPS sie mir nehmen wollen, aber andererseits wollte ich auch ganz gern in die USA einreisen, also unterschrieb ich den Fragebogen.

Ich widerstand dem im Flugzeug obligatorischen Tomatensaft und bestellte ein Bier. Hatte ich vorher schon Angst, als kleine Alkoholikerin durchzugehen interpretierte ich das Stocken des Stewards falsch und war erst mal höchst überrascht, als folgende Frage nach Sekunden aus seinem Munde kam: „Passt das denn vom Alter her?“
Ich lass das jetzt mal einfach so stehen.

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Der COP bei der Einreise war dann auch ganz nett, anscheinend hatte ich alle Fragen richtig beantwortet. Ihn interessierte dann nur noch, was ich denn so mache, wo ich arbeiten würde, wo ich hin wollte, ob ich in den USA Arbeit suchen wollte, ob ich verheiratet wäre oder einen Freund hätte und abschließend kam ich mir dann ein bisschen wie Jane vor, die von Tarzan, um sicher zu gehen, tatsächlich wie folgt nach dem Fortpflanzungsstatus gefragt wird: „No bambinos?“

Anke in the Blog

Hello you most AMAZING people!

In Deutschland werden viel zu wenig Komplimente gemacht, hier hingegen ist alles AMAZING und FANTASTIC. Wir finden uns alle AWESOME und eigentlich ist das gar nicht sooo schlecht wie ich immer dachte. Ich finde es jedenfalls EXTRAORDINARY, dass Ihr hier gelandet seid und von mir lesen wollt.

Leute, ich bin in San Francisco, es ist jetzt fast eine Woche her seitdem ich angekommen bin und der Jetlag ist überwunden. Ihr fragt Euch alle, wie es mir geht und was ich so mache? Grade sitze ich mit meiner Reisegefährtin Mélanie in einem schnuckelingen Café (habe dem freundlichen Kellner soeben mein „tip for good karma“ gegeben) und mein neues Netbook – eine Investition in meine Zukunft auf dem amerikanischen ebay ersteigert – steht einsatzbereit vor mir.

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Für die, die meine Berichte aus Paris noch kennen, es gibt zwei Parallelen zu San Francisco, die sich mir förmlich aufdrängen. Zum einen die Vermutung, dass die Bewohner der beiden Städte Knackärsche haben (nicht, dass ich alle getestet hätte, ich sagte ja, Vermutung). In Paris gibt es die unglaublich vielen Treppen und mangels Platz eben keine Fahrstühle, in San Francisco gehen die Straßen steil bergauf und ebenso bergab, man kann gar nicht anders als täglich Bergsteigen.

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Zum anderen: Mich verfolgen Dächer! In Paris wohnte ich im letzten, siebten Stock und konnte durch eine Luke verbotenerweise aufs Dach klettern und ganz Paris von dort aus sehen – wie im Kitschfilm. Mein Gastgeber hier hat eine ähnliche Möglichkeit, nur beeindrucken statt Pariser Sehenswürdigkeiten die Golden Gate Bridge, Alcatraz und natürlich der komplette Rest der Stadt inklusive Meer. Eine Hammeraussicht in 360°.

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Aber ich fange mal von vorne an, denn ich will Euch meine erste Woche nicht vorenthalten.