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Ab in den Norden

Unser Trip in den Norden führte uns zwecks Toilettenbesuch zunächst in ein amerikanisches Lokal. Harleys standen vor der Tür und ich musste an einen meiner Lieblingsfilme Thelma und Louise denken, in welchem beide Hauptdarstellerinnen in so einem amerikanischen Roadtripladen erst mal Party machen und Thelma anschließend fast vergewaltigt wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich traute mich nicht alleine rein.

Schließlich kamen alle mit, Mélanie, Hiro und Emmanuel. Sie standen dann am Eingang, schauten betreten in alle Richtungen und machten anschließend Fotos. Ich ging währenddessen erhobenen Hauptes durch die Menge, an ergrauten Schnurrbärten und ebenso ergrauten Unterhemden vorbei. Die Toilette war sehr sauber und nachdem ich rauskam und die anderen mich auf die Eindollarnoten, die an Wänden und Decke kleben, hingewiesen hatten (Emmanuel tippte auf insgesamt 30.000$!), gingen wir wieder raus. Kleine Anmerkung: Ein Überfall würde sich sicherlich als zu langwierig herausstellen.

Schließlich kamen wir in Bodega Bay an, einem Küstenstreifen, an dem man den Frieden förmlich greifen kann, obwohl neben mir zwei Mädchen schreiend nach kleinen Krebsen suchten, um sie in ihre Sandburg zu bringen. Beeindruckt vom Moment schrieb ich in vollkommener innerer Ruhe folgendes: „Dies ist ein Ort, an dem man den Frieden spürt. Die Welt ist nur da und es ist wie ein Geschenk, dass wir darauf gehen und uns alles anschauen dürfen. Warum würde man es besitzen wollen, wenn es doch einfach so für alle da ist?“.

Zehn Minuten später, als wir über einen Steg ins Meer hinaus liefen, tauchte plötzlich ein haariger, nicht eben schlanker, halbbedeckter Hintern vor mir auf. Sein Besitzer überschüttete derweilen einen handgroßen Krebs mit Schimpfworten aus dem Rotlichtmilieu. Das Vergehen des bockigen Krebses: Er war nicht groß genug und klammerte sich außerdem verzweifelt am Netz fest. Zwei Minuten später schrie eine Frau einen Seehund an, der sich an ihren ausgeworfenen Krebsköder machen wollte. „You f*** [Lieblingswort der Amerikaner] seal, let my catfish [Wels] alone!!!“ Eine andere Frau kommentierte trocken: „Next time we take chicken.“ Später aßen wir im 4. Jahr preisgekrönten Chowder (Fischsuppe) und Krebskuchen. Die armen Krebse sind bestimmt aufs Übelste beschimpft worden bevor sie uns serviert werden konnten.

Bitte würdigt mein fotografisches Kunstwerk: der Schwung, mit dem Emmanuel den Köder auswirft, das Netz ist genau oben in der Ecke, der Mann genau zwischen Emmanuels Armen, perfekt!

Während ich dies schreibe, sitze ich im „Garten“ von Emmanuels Schwester. Anführungszeichen deshalb, weil das ganze Gebiet um uns herum ein Naturpark ist. Ein Garten ist es ja bloß, weil ein Zaun drumherum gebaut wurde. Dieser Tatsache haben wir es jedenfalls zu verdanken, dass wir in den Muir Woods auf einen Schleichweg eingedrungen sind. Wir sind zwischen keine Ahnung wie hohen Bäumen, auf jeden Fall höher als ich sie je gesehen habe, und deren Nadeln und Laub den steilen Hang heruntergerutscht, um schließlich auf dem Touristenpfad zu landen und fünf Dollar zu sparen. Warum nicht, ist auf jeden Fall spektakulärer.

Es raubt mir fast den Atem mit vorzustellen, wie lang das alles hier schon existiert, und dass ich im Gegensatz zu diesen Bäumen nur ein kleines Licht in der Zeitspanne der Existenz darstelle (möchte man Zeit als Spanne sehen, die Indianer hatten von „Zeit“ ganz andere Vorstellungen). Beängstigend darüber nachzudenken, wie unfähig ich wäre, hier zu überleben und ich frage mich, wie die Indianer das wohl damals gemacht haben.

Wenn gar nichts mehr geht…

Liebe Leute. Dies ist ein Eintrag, der zu Eurem Wohlbefinden beitragen wird. Ihr fühlt Euch schlapp von der Arbeit? Ihr fühlt Euch, als könntet Ihr mit niemandem mehr mithalten, als sei Euer IQ um einige Punkte geschrumpft? Kein Problem, Anke hat die Lösung. Hier ein paar kleine Geschichten, die Balsam für geschundene Seelen sind:

TAG 1:
Hiro kommt am Flughafen an. Ich habe kein Handy, komme sowieso zu spät, wir finden uns nicht. (Danke, Hiro, dass Du dann einfach einen Kaffee trinken gehst, während ich panisch den Flughafen absuche.) Ich komme auf die glorreiche Idee, ihn ausrufen zu lassen. Der nette asiatische Mann an der Information sagt mir, wo ich Hiro hinbitten soll. Ich verstehe es nicht und schreibe es zur Sicherheit auf: „Baggage Claim Pipe“. Der Mann wird rot, streicht das letzte Wort durch und malt mir eine 5 darunter. Man, soviel Akzent kann doch kein Mensch haben!

Mit Hiro, Mietauto und Navigationssystem wollen wir San Francisco erkunden. Geplant ist ein Spaziergang durch die Stadt, deren Anfangskoordinaten ich Hiro und dem Navi mitteilen soll. War es eine Freudsche Fehlleistung? Ich weiß es nicht. Wir werden jedenfalls in die Außenbezirke der Stadt gelotst, genauer gesagt zu „Java Beach“, einer sympatischen Surferbar, dem eigentlichen Ende der Tour. Nix mit Tulpengarten und Spaziergang am Strand. Wir ändern den Plan und fahren zum Columbarium. Angeblich ein anschauliches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Wir kommen an, parken, treten ein und ich frage die Dame hinter dem Empfang: „Excuse me, is this a museum?“. Die Antwort erfolgt etwas zögerlich: „No, this is a crematory.“ Wir haben es unfreiwillig geschafft, den einzigen Friedhof für Privatleute der Stadt zu finden. In dem in der Tat wunderschönen Gebäude befinden sich auf vier Stockwerken in jedem Winkel Urnen und fast schon Devotionalien. Ich habe es erst als beeindruckend, dann als bedrückend empfunden.

Um unsere Gemüter zu heben suchen wir eine nette Kneipe. Wir verfahren uns wie üblich und landen – in „Java Beach“. Hiros Kommentar: „Well, it’s a nice bar.“ Die Kellner hatten zum Glück schon Schichtwechsel.

TAG 2:
Mélanie und ich wollen gute Couchsurfer sein und den Müll runterbringen. In den Keller, der gleichzeitig eine Garage ist. Bepackt holpern wir die Treppen runter, gehen in den Keller, die Tür fällt zu. Wir finden endlich die Mülltrennungsart der Amis raus (Verpackung ist gleich Glas, Papier, Plastik und alles, was irgendwie nach Verpackung aussieht, der Rest ist – logisch – Restmüll). Wir wollen los, die Stadt erkunden. Immerhin haben wir endlich mal vorher einen Plan gemacht mit Stationen, an denen wir uns was anschauen wollen.

Aber: Wir kommen nicht mehr raus! Alle Türen sind von außen abgeschlossen. Das Licht geht aus. Wir haben kein Handy. Wir finden keinen Lichtschalter und keinen Knopf, der das Garagentor aufmachen könnte. Klopfen und rufen hilft nicht. Ignoraten. Ich schreibe einen Zettel und schiebe ihn unter der Tür durch: „Hello, we got into the cave and forgot the key. Could you please open the door for us? Thank you, it’ll make our day!“ (Später sehe ich, dass er verkehrtherum auf dem Boden liegt und werde darüber aufgeklärt, dass „cave“ nicht „Keller“, sondern „Höhle“ heißt. Wäre also so oder so keine erfolgreiche Maßnahme gewesen.) Juhu, eine Steckdose. Mélanie hat zum Glück ihr Netbook dabei und wir schreiben unserem Gastgeber eine Email über facebook.

Wer kann schon sagen, „facebook saved my day“? Ich. Emmanuel, ITler und immer online, schreibt uns sofort zurück und teilt uns mit, wie wir das Garagentor aufmachen können. Mit ein bisschen Verspätung machen wir uns auf Entdeckungstour.

Wir möchten uns das Cable Car Museum ansehen. Wir sind zwei kultivierte junge Frauen. Treten ein, das Mädchen an der Kasse schaut auf und ich frage sie, ob wir einfach so reinkönnen. Sie schaut etwas seltsam und bejaht. Das Museum ist klein und ich frage mich, wieso sie den Text mit den Erklärungen so hoch aufhängen und die Souvenirs alle in Reichweite angeboten werden. Innerlich schimpfe ich auf das profitorientierte Denken. Das Museum beeindruckt nicht. (Und ich frage mich, wie ein ehemaliger Kollege monatelang dort arbeiten konnte :) Später erzählen uns andere Couchsurfer, dass das Museum nicht nur groß, sondern auch großartig war. Ja, Ihr ahnt es. Wir haben den Souvenirshop besucht.

TAG 3:
Wir haben von Emmanuel einen Gutschein für Cultivé – Frozen Yogurt bekommen. Nett, nur keine Ahnung, was das ist. Wir gehen in den Laden rein und ich frage, was ich für den Gutschein bekommen kann. Die Dame sagt, dass ich mich selbst bedienen soll. Mit allem, was da ist. Also nehme ich so einen Riesenbecher (schätze, 0,5 liter) zur Hand, und mache ihn mit allen angebotenen Sorten Frozen Yogurt voll. Dann fällt mir auf, dass da noch „Toppings“ sind. Ich drücke Nüsse, M&Ms, Flocken, Gummibärchen und Sonstiges in das Eis hinein. Oh nein, ich habe die frischen Früchte nicht gesehen! Auch die finden noch Platz, ebenso wie die Soße. Ja, ich habe alles aufgegessen. Und nichts dafür bezahlt.

Tipp: Am Besten Zutaten aussuchen, die zusammenpassen, dann schmeckt’s nochmal so gut.

Zur Krönung des Ganzen haben wir uns heute für 10,50 $ den Film Hot Tub Time Machine im Kino angeschaut. Ein Film, in dem ein Whirlpool die Hauptdarsteller in die 80er Jahre katapultiert, läuft in Deutschland wahrscheinlich nur nachts auf RTL. Zur Auswahl stand noch der Politthriller Green Zone, aber will wollten gerne alles verstehen.

Wenn Ihr jetzt denkt, „dämlicher geht’s nicht“ dann setze ich noch eins drauf. Heute hören wir unfreiwillig ein Gespräch am Nachbartisch mit. Amerikaner diskutieren lautstark über das neue Gesundheitssystem der USA. Was wir alle noch nicht wussten und sie uns dann gnädigerweise mitgeteilt haben: Die USA finanzieren die Gesundheitssysteme ALLER Länder dieser Erde mit. Ich hätte mich fast auf den Boden geworfen und den großen Rettern für meine Arztbesuche der letzten 27 Jahre gedankt.

Ab in den Süden

Mein guter Freund Hiro besuchte mich für ein paar Tage. Hiro ist Japaner, in Australien aufgewachsen und wohnt zur Zeit in Boston. Sein Name gibt Englischsprachigen wohl genauso viel Anlass zu „lustigen“ Witzen wir meiner Deutschsprachigen. Ich kann immer noch nicht den Unterschied zwischen seinem Namen und dem englischen Helden heraushören.

Wie wir uns kennengelernt haben ist an sich schon erzählenswert: Als ich damals in Bangkok wohnte hatte er mich eines Nachmittags kurz nach dem Weg gefragt. Danach liefen wir uns innerhalb von zwei Tagen noch zwei Mal zufällig über den Weg (wohlgemerkt, in einer 14-Millionenstadt) und danach dachten wir, dass das wohl ein Zeichen wäre und tauschten E-Mailadressen aus. Seitdem sind wir befreundet.

Praktischerweise mietete Hiro ein Auto, uns so lernten wir San Francisco von einer ganz anderen Seite kennen. Ich übertreibe kein Bisschen, wenn ich schreibe, dass Hiro an einer Kreuzung eine Vollbremsung hinlegte und ich entsetzt aufschrie, weil wir dachten, die Straße sei zu Ende. Eigentlich ging sie aber weiter, und zwar unglaublich steil bergab.

Zu viert erkundeten wir dann den Süden – mit von der Partie waren Mélanie und unser Gastgeber Emmanuel. Ich spielte den DJ und versorgte alle abwechselnd mit mexikanischen Volksliedern und Countrymusik, bis ich endlich auf das New Orleans Jazzprogramm mit Papa Sam stieß. Yeah! Da war die Landschaft doch gleich nochmal so schön.

Pigeon Point ist ein anhaltenswertes Ziel, trotz gewöhnungsbedürftigem Plumsklo. Theoretisch kann man von dort aus Wale sehen. Theoretisch. Die Lady im Souvenirladen erklärte uns, dass zuerst die Männchen von Mexiko aufbrechen und dann die Weibchen mit den Kälbern folgen – und bis Alaska durchschwimmen. Krass lange Reise, während der sie höchstens gelegentlich ihre Gehirnaktivität runterfahren können.

Falls Ihr jemals einen ähnlichen Trip machen solltet, müsst Ihr unbedingt bei der Swanton Berry Farm halten. Zu funkiger Musik konnten wir selbstgemachte Marmelade probieren und zwischen frischen Erdbeeren, Pies, Scones mit Waldbeeren, Artischockensuppe und anderen Leckereien wählen. Das Geld wird einfach in die Kasse gelegt und das Wechselgeld herausgenommen. Spart Angestellte und mal ehrlich – wer würde bei einem solchen Vertrauen was klauen?

Bei anderen Bauern haben wir auch gehalten und uns mit frischem Obst und Gemüse eingedeckt:

Den Tag schlossen wir in Carmel by the Sea ab. Das kleine am Meer gelegene Dorf mit ca. 5000 Einwohnern (die Touristen nicht mitgezählt) ist dermaßen pittoresk, dass die kleinen Häuschen zum Teil schon kitschige Märchennamen tragen.

Restaurantbesitzer müssen sich dessen sehr bewusst sein, denn das Essen ist ebenso teuer wie die Örtlichkeit zum Dahinträumen verführt. Der nahe Pazifische Ozean ist gelinde gesagt eisig, aber Surfer waren schon drin, ebenso wie unsere Füße.

Danach war mir kalt.

Freut Euch auf den nächsten Eintrag, in dem folgender Dialog vorkommt:
Ich: “Excuse me, is this a museum?”
Die Dame hinter dem Schreibtisch: “No, this is a crematory.”