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Noel, 27, U.S.A. Nachhaltigkeit und Glaube als Lebensinhalt (1)

Sein Bart ging ihm einst bis zum Schlüsselbein. Ein roter, buschiger Bart. In Trogir (Kroatien) hatte Noel aufgehört, ihn zu schneiden. Sein Bart wuchs irgendwo in der Wildnis des Staates Washington ungehindert weiter. Jetzt ist sein Bart ab.

Ich lerne Noel in San Francisco kennen, wo er ein paar Tage Urlaub macht. Er ist 27, Chemieingenieur und kommt aus Portland. Dank der Internetcommunity CouchSurfing übernachten wir beim selben Gastgeber.

Als ich eintrete steht Noel höflich auf, gibt mir die Hand und stellt sich vor. Er ist mir sofort sympathisch. Nach einem gemeinsamen Ausflug nach Alcatraz frage ich ihn, ob er mir von seinem Leben erzählen möchte. Er ist erst verwirrt, dann gespannt und sagt zu.

 

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Letzte Insidertipps aus SF

Wellsfargo Bank in der Montgomery Street. Denis führte uns zu der Bank, in der ein kleines historisches Museum zur Geschichte der Postkutschen aufgebaut ist. Im 19. Jahrhundert fuhren diese zwischen New York und San Francisco hin und her.

Denis und ich als Postkutschenreisende.

Eine anstrengende Reise, die einen Monat dauert! (Ich habe gefragt, ob die Kutscher Singles waren und der Museumsmann meinte, dass das wohl der Fall gewesen sei.) In den Kutschen reisten auf engstem Raum bis zu neun Leute. Stellt Euch das vor, einen Monat lang, jeden Tag zusammengequetscht und durchgerüttelt in einer Kutsche. Ein Reisender berichtete, dass seine Arme durch die Hitze auf das Doppelte angeschwollen waren. Da war der enttäuschende Flug von Frankfurt hierher mit der bekannten deutschen Fluggesellschaft der reinste Wellnessurlaub.

Ich lerne auch Jesse James kennen, ein bekannter Bandit der damaligen Zeit.

Es kursiert folgende Geschichte über seinen ersten Überfall:

Jesse springt voller Räuberelan auf die Kutsche und schreit: „I’m gonna rob all the women and rape all the man!“
Eine Frau meldet sich schüchtern und fragt, ob er das nicht eigentlich andersherum machen wolle.
Daraufhin bemerkt ein schwuler Mitreisender: „Let him rob us the way he wants!“

Was man auch machen kann: Sein eigenes Geld. In vier Sekunden erhält man drei verschiedene Dollarnoten mit dem eigenen Gesicht. Ich habe es nicht geschafft, mein Finanzimperium aufzubauen, obwohl ich das Angebot ausgiebigst genutzt habe. Falls Ihr gerne Mathe macht: Wieviele Stunden braucht Anke, um ausreichend Geld – sagen wir erst mal 100.000.009 Dollar – für das Anke-Imperium zu drucken?

Man sollte auf jeden Fall ein Farmer’s Market besuchen. Es finden jeden Tag welche statt, der Beste ist der am Samstag, wir waren jedoch auf einem kleineren in der Crocker Galleria. Dort ist probieren (oder schnorren) nicht nur total angesagt, sondern auch ausdrücklich erwünscht! Wirklich, ich hatte vorher einen Riesenhunger, nach dem Marktbesuch war ich pappsatt und hatte nicht mal was gekauft. Die Händler übertrupfen sich gegenseitig mit Probiermöglichkeiten, einer wollte mir dann auch eine Telefonnummer geben. Essen hat mir aber gereicht. Auf dem Dach des Gebäudes gibt es einen geheimen Park. Überraschend ruhig und gut fürs Verdauungsschläfchen.

Sonstiges Kulinarisches:

Schroeder’s: Das deutsche Resto San Franciscos, es gibt um 16 Uhr Vorspeisen gratis – wir haben ganz dreist nur die Vorspeise gegessen und sind wieder rausgegangen.

Ghirardelli: Traumhafter Schokoladenladen mit Probiermöglichkeiten.

The Stinking Rose: Es gibt dort nur Gerichte mit Knoblauch – danke an Emmanuel, dass wir trotzdem bei ihm übernachten durften.

The Cheesecake Factory: Leckere Kuchen, die man sich gleich an die Hüfte nageln kann. Aber über die Speiseröhre macht’s viel mehr Spaß.

Wenn man so wie ich am 1. April in San Francisco ist, dann nicht die Parade des Saint Stupid’s Day verpassen! Sie endet auf der Justin Herman Plaza des Embarcadero Center. Karneval mal anders. Erstens wärmer, zweitens Hippielieder (mehr oder weniger gut gesungen), drittens keine pseudolustigen Kostüme sondern Leute, die erfrischend albern in ihren Kostümen aussehen. Zum Beispiel übergewichtige Frauen, die auf Einrädern und mit nacktem Oberkörper „Boops for Peace“ rumfahren.

Muss man gesehen haben.

Abschiedspartys

Der Club sieht normal aus und heißt auch noch profan The Café. Er befindet sich in Castro, dem Schwulen- und Lesbenviertel San Franciscos. Ich wurde dazu angehalten, Dollarnoten bereit zu halten. Für die Gogotänzer, das Geschlecht darf man sich aussuchen. Der gute Rat: „Make them work for their money.“ Ist doch klar, die Tänzer haben einen Job wie jeder andere auch. Ich bin erst schüchtern, aber nachdem wirklich jeder finanziell gesehen zum lohnenswerten Abend der Tänzer beiträgt, halte auch ich einem eindeutig Schwulen schwarzen Gogotänzer einen Dollar hin.

Fast nehme ich ihm ab, dass er auf Frauen steht. Vor allem, nachdem er mich über die Absperrung hebt und ich kurz auf der Bühne mit den Tänzern um die Wette tanze. Ich komme mir sehr angezogen vor. Der Moderator (oder die Moderatorin, ich kann das Geschlecht nicht genau erkennen) schmeißt mich leider von der Bühne. Na toll. Bestimmt habe ich den anderen sie Show gestohlen. Der Club schließt, wie alle Clubs, um zwei Uhr morgens. Schade. Da fange ich grade erst an zu tanzen.

Das mache ich ein paar Stunden später – Ostersonntag – in einer rappelvollen Kirche weiter – mit Schlafdefizit und Kater. Ist das ein Gottesdienst? Es ist ein Gotteskonzert!

Der Chor, die Band und jedesmal ein anderer Solosänger, jeder trägt mit seinem Talent (und das haben sie!) zur Stimmung bei. Ein Beamer projiziert ununterbrochen friedliche Bilder und Bibelstellen an die Wand über dem „Altar“ – dort, wo bei uns sonst das Kreuz hängt. Mehrere leidenschaftliche Predigten, die halb so lang sind wie die in Deutschland, dafür doppelt so unterhaltsam und berührend. Eine Dame präsentiert zu ersteigernde Gräber auf ebay und bewundert den Optimismus des Verkäufers. Ein offensichtlich beliebter Herr äußert sich auch mal kritisch: „Da regt sich der Atheist in mir.“ Die Predigten enthalten politische Themen wie die Gesundheitsreform der USA, soziale Themen wie Drogenmissbrauch und Bitten um Unterstützung der sozialen Projekte, persönliche Themen wie selbstverletzendes Verhalten – und immer einen bemerkenswerten und ansteckenden Optimismus.

Zweifelhaft finde ich die fast schon zu dominante Überzeugung von Gottes Gerechtigkeit. Ob der Gerechtigkeitssinn, den wir uns so zusammenbasteln, auch von einem höheren Wesen vertreten wird?

Ein schwuler amerikanischer Star mit Anzug und Lipgloss legt ein Zeugnis für seinen Glauben ab. Er ist dank Gott seit neun Jahren clean. Ich glaube, der Mann, der immer zwischendurch aufsteht und einen Witz macht, ist der Pfarrer. Und zwischendurch wird immer gesungen. Bei den schnellen Liedern tobt die Gemeinde, bei den langsamen, gefühlvollen werden Taschentücher gereicht, Klatschen und Zwischenrufe sind erwünscht. Auch meinen Augen entwischt die ein oder andere Träne, Gänsehaut habe ich unentwegt. Ja, die Amerikaner wissen, was Show ist, aber sie wissen auch, was die Menschen berührt.

Am Ende des Gotteskonzertes gehe ich die Stufen runter und erwische den Nebenausgang (ich sag ja, die Orientierung…). Dort wird gerade Obdachlosen ihre tägliche Ration Essen gereicht. Diesmal eine etwas größere mit einem Osterei. Zwei zahnlose Männer sitzen zufrieden in einer Ecke und wünschen mir als ich rausgehe einen schönen Tag.