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Neuseelandcharts

Ungeschlagen auf Nummer eins der neuseeländischen Hitparade: Die Freundlichkeit der Kiwis. Sie fühlt sich echt und nicht aufgesetzt an.

Ein Beispiel? Ich frage eine Busfahrerin nach dem Weg. Eine Riesenschlange hinter mir. Die Frau steigt aus und erklärt mir in Ruhe, wie ich zu meinem Ziel komme und fragt nochmal nach, ob ich es auch verstanden habe. Ich habe aus Deutschland mein schlechtes Gewissen für Situationen, in denen es mal nicht so schnell geht, mitgebracht und entschuldige mich. Die Frau legt ihre Hand auf meinen Arm und sagt, es sei doch überhaupt no problem. Keinerlei negative Reaktion aus der Schlange hinter mir. Im Gegenteil, die Kiwis blinzeln lächelnd in die Sonne (OK, das war etwas zu dick aufgetragen).

Die Kiwis wurden nicht nach dem Tier benannt, sondern nach der – witzigerweise australischen – Schuhcrememarke “Kiwi Shoe Polish” der neuseeländischen Soldaten im Ersten Weltkrieg, um sie nicht mit den Australiern zu verwechseln.

Nummer zwei hat sich ihren Spitzenplatz dank der Quantität seiner Erscheinung verdient. Seitdem meine Landsmänner und -frauen (vorzugsweise im Kreischalter von 18 bis 22) bei allem was ich tue zur konstanten Nebenerscheinung werden, gebe ich mich gelegentlich als Französin aus. Wenn ich allein auf Deutsche treffe, muss ich dann auch Englisch reden – und bemühe mich dabei, möglichst keinen deutschen, sondern einen französischen Akzent raushängen zu lassen. Bitte würdigt meine schauspielerische Leistung: Bis jetzt bin ich noch nicht aufgeflogen. Seltsam wird’s nur, wenn ich nach meinem Namen gefragt werde.

Einsamer Aussichtspunkt im Gebirge. Wer kommt vorbei?

Das Tierreich hat es mit all seinen Facetten auf Platz drei geschafft: Überall findet man tote Tiere auf der Straße. Ich habe in meinem Leben noch nie so viele gesehen. Überall erblickt man Schafe – alle lebendig. Auch von diesen habe ich noch nie so viele gesehen. Die Kühe sind glücklich – das schmeckt man an der unschlagbar leckeren Milch.

Platz vier: Das ausgeprägte ökologische Bewusstsein der Kiwis, das allerdings seltsamerweise in manchen Bereichen gar nicht vorhanden ist. Ein Beispiel: Es gibt hier energiesparende Steckdosen. Man kann sie an- und ausmachen. Ich brauchte zwei Wochen und drei Panikattacken während welchen ich die Worte „Ladegerät“, „Kamera“ und „kaputt“ hektisch wiederholte, um das zu verinnerlichen. Zum Ausgleich spülen die Kiwis gerne mit übertrieben ausreichend Spülmittel. Das schmerzt meinem Ökoherzen.


Baden in heißen Schwefelquellen ist gut für Haut und Seele. Nicht für die Nase. Hier die Anke in der Schwefelhochburg Rotorua.

Auf Platz fünf hat es die innere Sicherheit geschafft. Die Kinder laufen oft auch in größeren Häuseransammlungen (ich möchte nicht von Städten sprechen) barfuß. Es gibt kaum Kriminalität und wenig ausgeprägte Klassenunterschiede. Hier ist das Leben langsam und wer reich werden will, der sollte nicht nach Neuseeland kommen. Sorge macht mir, dass vor kurzem ein Nazi zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er einen asiatischen Anhalter erwürgt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich in den Augen neuseeländischer Nazis auch tötenswert bin. Aber vor diesem konkreten Mann muss ich mich schonmal nicht mehr fürchten.


Fortschrittlich! Frauen durften in NZ schon Ende des 19. Jahrhunderts wählen.

Leider auf dem letzten Platz – in meinen Augen zu Recht: Das Essen. Sich wiederholende Zutaten bzw. Gerichte sind: rote Zwiebeln, Pommes, Ananas aus der Dose, paniertes Fleisch, Hamburger, Pies, Fish & Chips. Da lernt man eine abwechslunsgreiche Küche doppelt zu schätzen.

Sonderplätze, als Info für Euch:
Wenn Ihr als Kiwis durchgehen wollt, einfach immer alles „sweet“, „sweet as“ oder „choice“ finden. Und alle anderen je nach Geschlecht “bro” oder “cuz” nennen.
Und um eine Idee von Dialekt, Humor und Maoris zu kriegen oder einfach nur einen charmanten Film zu gucken, hier der ultimative Kiwi-Filmtipp, grade aktuell in den Kinos: Boy.

Die Südinsel

Mir wurde gesagt, die Menschen hier seien exzentrisch. Das wird man wohl in der Einöde, da hilft auch die schönste Landschaft auf Dauer nix. Zum Beispiel dieser Bauer: Er rammt Audis wie Sphinxen an den Eingang zu seinem Hof in den Boden…

… und grüßt Ankömmlinge wie folgt: „Welcome to all who wish me well. Anyone else can go to hell.“ Ich geh mal lieber gleich.
Außerdem hörte ich Gerüchte über einen Mann im Städtchen Blackball, der seine Frau umbrachte. Wohl nicht weiter ungewöhnlich, wenn man sich über Scheidungsgeschichten der heutigen Zeit informiert. Allerdings ist der Mann Metzger. Ich frage mich, wie die Salami am nächsten Tag geschmeckt hat.
Sparsam sind sie wohl generell hier unten. Die Brücken haben aus Kostengründen nur eine Spur. Manchmal müssen sich beide Fahrbahnen den Übergang sogar mit Zügen teilen. Das bestimmt ausgeklügelte System habe ich noch nicht durchblickt. Aber wahrscheinlich beruht es darauf, dass hier einfach kaum Menschen sind.
Von den vier Millionen Kiwis leben auf der Südinsel nur eine Million. Vielleicht ist das der Grund, weshalb per Anhalter fahren hier so schwierig ist. Das brachte uns zwei Mal zwei Stunden Wartezeit ein, obwohl wir sonst mit 30 Minuten rechnen, bis uns jemand mitnimmt. Zwei Stunden vor einer tollen Kulisse, zwei Stunden im strömenden Regen. Maßnahmen gegen Verzweiflung sind da lautstark Lieder singen (hört ja eh keiner), alberne Witze und Fotos machen

… und alles mögliche sinnlos kommentieren.
Ja, es regnet ununterbrochen. Zumindest auf der westlichen Seite der Alpen. Das rührt daher, dass der Wind von Westen kommt und die Wolken es nicht alle über das Gebirge schaffen.
260 Tage im Jahr verenden Wolken im Gebirge und ihre Einzelteile fallen auf die Erde hinab. An einem Tag kann es mehr regnen als in England in einem Jahr (diese Statistik klingt so unglaublich, dass ich dahinter ein imaginäres Fragezeichen setzen möchte, aber ich kann es mir durchaus vorstellen).

Das Überflutete Queenstown. Die zweitschlimmste Überflutung seit 10 Jahren.

Ich war lange nicht mehr trocken, geschweige denn, meine Kleidung. Gut, dass ein gewisser Herr mir ein (Achtung, Originalzitat) „Kondom für den Rucksack“ geliehen hat. Herzlichen Dank an dieser Stelle.

Milford Sound

Angesichts der Berge scheint alles andere bedeutungslos.
Sie sind dem Himmel nah. In ihren Gipfeln verfangen sich Wolken, die irgendwann weitertreiben. Die Berge existieren. Ruhig. Nicht gleichgültig, aber doch abseits und losgelöst von allem. Wasser sammelt sich im Grund und schweigt.

Ich muss nirgendwo hin. Ich muss nichts beweisen. Es gibt kein Ziel. Wasserfälle reißen mein Ego mit sich fort, nehmen auch Schmerz, Eitelkeit, Sorgen, Traurigkeit mit. Ich bin Teil des Naturschauspiels.

Nur die Gegenwart zählt. Sie ist das einzige, was existiert. Alles andere ist bedeutungslos.