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Otago Peninsula

Auch wenn Mélanie sehr erwachsen tut, auch sie hatte einen besonderen Wunsch. „Pinguine gucken gehen“ steht meiner Meinung nach auf der selben Stufe wie „mit Delphinen schmimmen“, aber gut. (Anspielung nicht verstanden? Dann lest bei „Delphinoper“ nach.) Auf Otago Peninsula leben Pinguine in freier Wildbahn und die wollten wir uns anschauen.

Der Bus von Dunedin aus fuhr nur bis zur ersten Haltestelle der Otago Peninsula und erst eine Stunde später bis zur zweiten. Keine Lust zu warten, außerdem sind wir gut zu Fuß. Die unerwarteten fünf Stunden laufen durch knöchelhohes Wasser am Strand, Hügel, und sonstige Naturmanifestationen hatten wir dann aber doch nicht erwartet. Schlecht für die Füße, gut fürs Auge, hier ein paar der schönsten Fotos:

Am Ende sahen wir aus 15 Meter Entfernung bei fortschreitender Dämmerung einen winzigen Pinguin und zwei Seehunde, die kaum von den Steinen zu unterscheiden waren. Ich setzte meine Brille auf, aber auch das half nicht viel.
Zum Glück nahm uns eine nette Französin in ihrem Auto zurück nach Dunedin.

Besondere Menschen

Brett, der Weinhändler. Der Mann mit dem seltsamen Namen hat nichts mit der gesichtslosen Holzplanke gemein. Ein sehr herzlicher Mensch, der stolz von Neuseeland und seiner kleinen Tochter Emily erzählte und nicht wenige Umwege fuhr, um uns besondere Naturereignisse rund um Taupo zu zeigen. Dazu gehören zum Beispiel ein Fluss, der warmes Wasser führt,

stinkende Schwefelquellen und 90°C heiße Schlammtümpel, die sich laufend durch Blubbern bemerkbar machen und aus schwarzen Schwefel bestehen.

Brett bot uns auch einen Schlafplatz an und machte kindgerechte Hamburger zum Abendessen.

Mike, der Botaniker. Wir brauchten nicht mal per Anhalter zu fahren, sondern ihn nur nach dem Weg zu fragen, um Obdach bei ihm in Te Anau zu bekommen. Er öffnete uns die – übrigens immer unabgeschlossene – Tür seiner Wohnung und ging zur Arbeit. Überall lagen Thriller herum, deren Titel Worte wie „kill“ und „murder“ beinhalteten. Sehr beruhigend wenn man den Menschen grade mal fünf Minuten kennt und bei ihm in der Wohnung schlafen wird.
Da er keine Gäste erwartet und deshalb kein Feuer gemacht hatte, zog ich zum Schlafen so ziemlich alle Kleidungsstücke an, die ich hatte. Auf dem Rückweg von Milford Sound übernachteten noch einmal bei Mike. Er kochte, diesmal bei einem wärmenden Feuer, frischgeschossenes Reh (ich wollte keine Details hören) und selbstgesammelte Pilze

und wir guckten drei Filme hintereinander. Als ich ihm mein Rückenleid klagte (diese Betten in den Hostels sind wirklich nichts für Frauen Ende zwanzig) eröffnete er mir, dass Holzzerkleinern ein gutes Mittel dagegen sei. Danke, meinem Rücken ging’s nicht besser, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

Zum Abschied schenkte er uns Pilze und ein Glas voll selbstgemachter Creme, ich glaube gegen Ekzeme oder Neurodermitis, die normalerweise 150 Euro kostet. Ich habe keine Verwendung dafür, aber falls jemand was damit anfangen kann, der melde sich bitte.

Murray, der Mann mit dem trockensten Humor seit Menschengedenken. Wir hatten erst ein bisschen Angst vor ihm und ich erwähnte vorsichtshalber, dass ich den schwarzen Gürtel in Karate habe. Dann aber erkannten wir seine wahre Natur. Gut, dass er grade eine Woche Urlaub hatte. Er meinte, wir dürften die Südinsel nicht verlassen, ohne an ihrem südlichsten Punkt gewesen zu sein und fuhr uns direkt nach Bluff inklusive special Service:

Südlicher geht’s nicht.

Ich halte hiermit mein Versprechen gegenüber Murray und erwähne, dass es sich bei Bluff um das „Ar***loch der Welt“ handelt. Bitteschön. Überhaupt hat er mir sehr viel interessantes Vokabular beigebracht. Dazu gehört „holy hell“, „jack shit“ (was soviel bedeutet wie „ist mir doch egal“) und „open the boot, bro“ („mach den Kofferraum auf, Bruder“).
Als ehemaliger Alkoholiker ersetzt Murray heute Bier durch tägliche knapp fünf Liter Diätcola. Uns spendierte er aber trotzdem ersteres, und zwar kurz nach vier. In Invercargill, der südlichsten Stadt der Welt, gab’s dann die obligatorischen „Fish and Ships“ obendrauf, ebenso wie die unumgängliche abendliche Mörderserie, die hier – ich hoffe mangels Alternativkanälen – anscheinend jeder guckt.
Sollte Murray nie wieder an mich denken – mein Schlafoutfit wird ihm bestimmt in Erinnerung bleiben. Ich habe klugerweise keinen warmen Schlafanzug mitgenommen und so besteht dieses aus verschiedenen merkwürdigen Komponenten. Dazu gehören u.a. eine abgeschnittene Strumpfhose, ein langärmeliges Kleid und Bundeswehrsocken. Ich glaube, Murray lacht immer noch, wenn er daran denkt.
Am nächsten Tag fuhren wir mit lauter musikalischer Begleitung von REM zum Petrified Wood. Anmerkung zur Band: Die einzige Assoziation, die ich zu ihr habe, ist das Konzert in Toronto von 2003, in das ich mich durch Gebüsch kriechend und über drei Meter hohe Zäune kletternd mit meiner lieben Freundin Lydia reingeschmuggelt habe. Da ging’s uns eigentlich eher um das Reinschmuggeln als um die Band, aber seitdem verbinde ich die Musik mit lustigen Ereignissen. Jetzt kommt noch tolle Landschaft mit schnellem Auto dazu. Gute Kombi.
Zurück zum Wald: Er existierte vor 170 Millionen Jahren und ist heute dank verschiedener chemischer Vorgänge als Fossilienwald erhalten. Ein sich selbst erhaltender Biofriedhof sozusagen.

In jedem dieser Steine (also die im Hintergrund) sind Fossilien verewigt.

Special Guest der Pflanzengruftis sind überaus lebendige, fette Algen. Irgendwo muss sich ja alles wieder ausgleichen.

Bevor es weiter nach Dunedin ging aßen wir bei Freunden von Murray im südlichen Paradies und in Gesellschaft von einem Lama, Schafen, einer Geis und Hühnern zu Mittag.

Hitchhiking in NZ

Gut, dass Mélanie schon während ihrer Reise in Schottland gelernt hat, dass „per Anhalter fahren“ auf englisch nicht „hijacking“ (engl. für „entführen“), sondern „hitchhiking“ heißt. Das hat uns mit Sicherheit sehr viel Ärger erspart.

Zur Info vorweg: Wir haben Neuseeland von Nord bis Süd komplett durchquert und dabei kein einziges Mal einen Bus bestiegen. Hier eine kleine Auswahl der Autofahrer, die uns mitgenommen haben und in meinen Erzählungen noch nicht erwähnt worden sind:

– Ein englisches Pärchen im honeymoon, das zur Hochzeit keine materiellen Geschenke, sondern erinnernswerte Ereignisse wie einen Raftingnachmittag, eine Gletscherbesteigung und ähnliches bekommen hat. An meine Familie und Freunde: Falls ich jemals heirate möchte ich das auch haben.

– Ein Psychologe, der Spielsüchtige behandelt.

– Ein Anwalt, den seine Klienten lieben und der sehr viel Geld verdient. Die genauen Zahlen durften wir auch erfahren. Er lässt sein Haus immer unabgeschlossen, ebenso den Schlüssel über Nacht im Zündschloss stecken. Was für ein Vertrauen in die Menschheit.

– Ein junger Mann, der Ökotourismus studiert und eine Kochlehre angefangen hat und jetzt Bulldozer fährt, weil ihm das so viel mehr Spaß macht. Er will in Zukunft eine Inderin heiraten. Während der Fahrt hielt er an mehreren Orten und stellte uns u.a. Tutu, eine Spezialität der Maoris vor, die ich bestimmt nicht probieren möchte: Eine Pflanze mit Beeren in Griesgröße. Die Beeren sind die Delikatesse, der Kern, der sich in jeder Beere befindet, ist so giftig, dass er zehn Menschen auf ein Mal umbringen kann.

– Ein Makler, der uns zu einigen Hostels fuhr, bis wir endlich einen ordentlichen Schlafplatz gefunden hatten.

– Eine Schottin, die hier Wein anbaut und die regelmäßig Anhalter mitnimmt, die sie dann so nett finden, dass sie für sie arbeiten. Ich war kurz versucht, meine Reise zu unterbrechen.

– Zwei Freundinnen, die grade shoppen waren und uns ihr Heim zum Übernachten anboten. Die eine erinnerte mich übrigens an meine Mutter (hier ein kleiner Gruß an sie).

– Ein Surfer, der in Neuseeland und der Schweiz Wirtschaft studiert hat und jetzt als Bauer arbeitet.

– Ein schweigsamer maorischer Bauarbeiter.

– Ein Alkoholverkäufer, dessen Rückbank ich für einen ausgiebigen Mittagsschlaf genutzt habe. Gut, dass Mélanie vom Beifahrersitz aus Konversation betrieben hat. Die schöne Landschaft hab ich leider verpennt.

– Ein älteres australisches Pärchen. Der Mann war in den 70ern schon mal in Neuseeland herumgereist und auch per Anhalter gefahren. Diese Fahrt war sehr gemütlich und außergewöhnlich lang.

– Eine Bankangestellte in meinem Alter, die vor kurzem von ihrem Mann verlassen wurde, weil sie drei Totgeburten gehabt hat. Jetzt will sie erst mal in der Welt rumreisen.

– Ein Holländer mit doppelter Staatsbürgerschaft, der bei der neuseeländischen Armee anheuern wollte. Als er mir erzählte, dass er in Holland nicht mehr leben wollte und ich in dem Zusammenhang den Sieg der Rechten bei den Wahlen erwähnte meinte er, dass er die Partei auch gewählt hätte (ups). Aber in Holland gäbe es wohl Werbung mit Hinweisen, wie man mit netten Menschen umgeht. Das war der Hauptgrund für seine Auswanderung. Er hat uns sehr weit gefahren, obwohl die Stecke gar nicht mehr auf seinem Weg lag.

– Ein Ingenieur in Managerposition, der uns mit seinem Sohn verkuppeln wollte. Er machte ihn uns schmackhaft, indem er ihn wie folgt beschrieb: Er hat keine Freundin, sieht gut aus, hat ein Schiff und viel Geld. Wir haben ihm seine Visitenkarte förmlich aus der Hand gerissen.

– Ein deutsches Ehepaar mit einem sechs Monate altem Baby. Tipp für alle jungen Eltern: Solang das Kind noch so klein ist, hat man sehr geringe Reisekosten und das Kind schläft dauernd. Den Mutterschaftsurlaub kann man so für eine ausgiebige Reise durch Neuseeland im Wohnwagen nutzen.

– Ein alter Japaner mit eigener Firma für Temperatursensoren, den ich kaum verstanden habe. Aber das Wichtigste schon: Nebenher sagt er Menschen die Zukunft voraus. Meine hat er anhand meines Geburtsdatums kurz prophezeit: Ich bin ein hart arbeitender Mensch, sehr ehrgeizig und klug. Ach so. Sein Sohn sprach übrigens kein englisch und ignorierte uns überwiegend. Als ich zum Abschied das einzige japanische Wort, das ich kann, aus meiner Erinnerung kramte, nämlich „arigató“, leuchteten seine Augen plötzlich auf.