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Sinnliche Hauptstadt 1

Auf einer Reise entdeckt man oft an sich selbst Eigenschaften und Talente, die man nie vermutet hätte. Oder man muss den Eindruck, den man von sich selbst hat, gelegentlich modifizieren. Ich zum Beispiel war vor Phnom Penh fest davon überzeugt, dass meine fünf Sinne einwandfrei funktionieren.

Das Hostel kostete nur vier Dollar pro Nacht. Das heißt, zwei Dollar pro Nase. Da kann man nicht viel erwarten und mein erster Eindruck von dem Zimmer war nach einer schnellen Inspektion durchaus akzeptabel. Kaum hatten wir jedoch zugesagt und bezahlt erkannte ich meinen Fehler. Dieses Zimmer war mit Abstand das dreckigste Loch, in dem ich je gehaust habe – und das will wirklich was heißen. Wenn es doch nur beim Dreck geblieben wäre. Den Wasserhahn konnte man kaum aufdrehen, so lose hing er am Rohr, und wenn man es doch schaffte, dann brauchte es unübertrieben zwei Minuten, bis sich genug Wassser zum Mundausspülen in den Handflächen gesammelt hatte. Das Fenster ließ sich nicht schließen. Eigentlich war diese Funktion an ihm gar nicht vorgesehen. Die Laken rochen nach dem Vereinigungsritual zweier Menschen. Die Matratze bestand aus einem dünnen Schaumstoff und war so durchgelegen, dass man direkt auf den darunterliegenden Holzplanken hätte schlafen können. Auf der Toilette entdeckte ich zwischen den freiliegenden Rohren einen Wurm, der sich genüßlich im austretenden Wasser wand (ich will nicht wissen, aus welchem Rohr es trat). Ich erspare Euch weitere Details. Nur noch soviel: Die Holzplanke … äh … Tür konnte man nicht abschließen, dafür gab es eine seltsam konstruierte Vorrichtung, die ein Vorhängeschloss krönte. Ich fühlte mich unglaublich gut aufgehoben.

Das war das literarische Highlight Phnom Penhs. Ansonsten für Informationssuchende hier die Kurzversion der touristischen:

1) Der Tempel Wat Phnom.

Typisch Buddhismus: Schlangen führen zum Tempel (siehe “My name is Anke. Wat, Angkor?”, 29. Juni 2010).

War klar, dass wieder nur die Ausländer Eintritt zahlen müssen. Ich schlage vor, dass man ab sofort den Kölner Dom nur mit deutschem Pass gratis betreten darf. Aber zurück zum Tempel: schön, beeindruckend, buddhistisch, etwas kitschig.
Wer mir sagen kann, wer dieser angebetete Herr mit Brille ist, wird in meinem Blog namentlich erwähnt. Ich konnte den Räucherstäbchen haltenden Einheimischen nur ein „good, good“ entlocken.

2) Der Königspalast. Der Eintrittpreis gleicht den europäischen, was für kambodschanische Verhältnisse unverschämt teuer ist. Die Flagge weht, wenn der König da ist. Die Farben der Gebäude symbolisieren sogar etwas, und zwar Buddhismus (gelb), Hinduismus (weiß), den Agrarstaat Kambodscha (grün) und den König (blau). Diese Infos stammen aus nicht für meine Ohren bestimmte Führungen durch den Palast. Ansonsten lief ich einfach nur in der beeindruckenden Anlage rum und machte Bilder. Hier die schönsten.

Spirituelle Handybedienung 2

Eine Wahrsagerin begegnete uns als nächstes. Sie legte für mich Karten (für Nachmacher: es waren ganz normale Skatkarten) und sagte mir voraus, dass ich demnächst im Beruf erfolgreich sein und viel Geld verdienen werde. In der Liebe würde ich leider weniger Glück haben (ich finde, kommt drauf an, wie man’s sieht): Erst in sieben Jahren würde ich heiraten und zwar einen sieben Jahre älteren Mann von großer Statur und mit länglichem Gesicht. Aber was auch immer Negatives meinen Lebensweg beschatten könnte, für einen Dollar konnte ich ihm ausweichen. Eine weiße Kordel mit zwei Knoten – einer davon dient dem privaten Glück – ziert jetzt mein linkes Handgelenk und bietet mir spirituellen Schutz vor jedweder Art von Unheil. Sieh Dich vor, lieber Arbeitsmarkt, ich bin gewappnet.
Kleiner running gag am Rande: Während der ganzen Prozedur knipste unser rauchender Mönch immer wieder von uns Bilder.

Ernster wurden wir, als wir mit einem einheimischen, selbsternannten, aber kundigen Führer durch die Killing Caves kletterten. 700 Menschen ließen dort in den 1970er Jahren ihr Leben.

Heute kann man im angrenzenden ehemaligen Gefangenenlager für die Opfer beten.

Es war leider schon fast dunkel, so dass wir nur noch Umrisse erkennen konnten. Aber es wurde uns dennoch sofort klar, warum die Roten Khmer gerade diese Stelle für das Töten ihrer Feinde – oder sagen wir: der kambodschanischen Bevölkerung – ausgewählt hatten. Die Felsformation ist makabrerweise so angelegt, dass man die Opfer nur von einer Art Klippe herunterstoßen braucht. Wenn unten genug Menschen liegen, kann man sie ohne große Mühe beiseite und Platz für neue Leichen schaffen. Heute zeugen aufgestapelte Originalschädel und -knochen von dem Massaker.

Künstlerische Verarbeitung der systematischen Tötung.

Unser Führer nahm uns dann auf seinem Roller noch mit zu einer Naturattraktion. Zu dritt auf seinem Gefährt gequetscht konnten wir uns besonders gut unterhalten. Dabei erzählte uns der Zwanzigjährige in erstaunlich gutem Englisch, dass er seit einem Jahr besagte Fremdsprache lerne und vorher noch nie zur Schule gegangen sei. Seine Familie hätte sich das einfach nicht leisten können – sie kostet schließlich zehn Dollar im Monat. Jetzt macht er eine vierjährige Ausbildung zum Touristenführer und arbeitet nebenher schonmal illegal als solcher.

An unserem Ziel angekommten konnten wir beobachten, wie aus einer Felsformation während der Dämmerungszeit eine Stunde lang ein zwei Meter breiter Strom Fledermäuse herausfliegt. Bitte stellt Euch das bildlich vor: Eine Stunde lang kann man zwei Mal täglich einen riesigen Fledermausschwarm am Himmel beobachten! Ich frage mich, wie die sich tagsüber alle in ihren Höhlen stapeln.

Nachdenklich und bereichert fuhren wir in Mr. Dara’s Tuktuk zurück zum Hostel.
Danke, Kambodscha.

Spirituelle Handybedienung 1

Auf einer solch langen Reise gibt es, man mag es kaum glauben, auch Gegebenheiten, die frustieren. Hauptsächlich handelt es sich um die folgende:
Egal wo ich mich befinde, es gibt jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde so viel zu entdecken! Aber manchmal brauche ich trotzdem – oder gerade deshalb – Ruhe. Ich weiß, ich klage auf hohem Niveau, aber es fällt mir oft schwer, beides zu vereinbaren.

Der Tag, von dem ich Euch heute berichte, war ein einziger Harmonieklumpen aus beiden Faktoren. Ich war ausgeruht, neugierig wie eh und je und obendrein boten sich mir viele interessante Eindrücke und Erfahrungen, die ich mit Euch teilen will.

Es ging schon mit Mr. Dara los. Das war der vom Hostel für uns bestellte Tuktuk-Fahrer. Ich schätze ihn auf Anfang zwanzig. Sein Hauptanliegen war unser Wohlergehen und er tat wirklich alles, um dazu beizutragen. Wir hatten schon vorher im Hostel bezahlt, daher konnte es nicht daran liegen, dass er so viel Geld wie möglich haben wollte. Er freute er sich einfach nur unglaublich, dass er an dem Tag Arbeit bekommen hatte (siehe “Wie Kambodscha überzeugt”, 25. Juni 2010). Und so hielt er während der Fahrt unaufgefordert für uns fotomanische Touristen, wenn die Aussicht besonders schön war. Als es anfing zu regnen, stoppte er und verwandelte das Tuktuk in eine kleine Kutsche mit Plastikwänden. Er lächelte die ganze Zeit und bemühte sich, sich mit uns auf englisch zu unterhalten. Am Ende des Tages übergab er uns seine selbstdesignte, in rührendem englisch geschriebene, bunte Visitenkarte. Deshalb möchte ich auch an dieser Stelle seine E-Mail-Adresse weitergeben, solltet Ihr nach Battambang kommen. Schreibt ihm, es lohnt sich: dara168_royal@yahoo.com.

Zwölf Kilometer außerhalb von Battambang steht mitten im flachen Land der Berg Phnom Sampeau. In seinen mystisch-natürlichen Hängen liegt ein Tempelkomplex eingebettet. Die Besteigung ist ein Fitnessprogramm für sich, aber die Aussicht lohnt sich allemal.

Wenn ich einen Tempel (oder eine Kirche oder einen anderen religiösen Ort) betrete, dann setze ich mich meistens vor den Altar (oder sein Äquivalent) und lasse das Ganze auf mich wirken. Es ist immer wieder in irgendeiner Form bereichernd. So auch dieses Mal. Ich zog meine Schuhe aus, betrat den heiligen Ort und setzte mich vor den für westliche Standards kitschig dekorierten und umrahmten Buddha.

Decke des Tempels.

Nach nur zwei Minuten kam ein Mönch und sprach mich an. Der Mann mit ausgeprägtem herzlichen Lachen lernt erst seit zwei Jahren englisch, aber irgendwie schafften wir es, uns zu verständigen. Stolz zeigte er mir sein sorgfältig geführtes Vokabelheft und erläuterte mir die verschiedenen buddhistischen Zeichnungen und die Fotos anderer Mönche, die zum Teil unter Pol Pot ermordet worden waren.

Einer der Tempel von Phnom Sampeau.

In dem Maße wie mich dieser Mönch mit seinem spürbar inneren Frieden beeindruckte, überraschte mich der nächste, dem ich begegnete. Der Novize wird vermutlich nicht lange im Kloster bleiben, denn besonders motiviert für das abgeschiedene Leben gab er sich nicht. Dankbar für uns, die Abwechslung, sprang er auf und führte uns, seine Zigarette immer noch in der Hand, durch eine dunkle, heilige Höhle. Die kambodschanische Comedy-Sendung auf seinem Handy leuchtete uns den Weg. Als Dank bat er lediglich um ein paar Fotos. Einmal nur ich, dann nur Mélanie, dann Mélanie und er, dann er und ich. Zwischendurch knipste er uns, wenn wir uns unbeobachtet fühlten und bot uns im Gegenzug Kippen an.