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Good morning, Vietnam! Mist, falscher Fuß…

Schon geschwächt von einem Tag nichts essen trat ich die Bootsfahrt auf dem Mekong von Phnom Penh nach Chao Doc (Vietnam) an.

In Kambodscha war noch alles in Ordnung. Wir hatten sogar daran gedacht, zeitig das Visum für Vietnam zu beantragen. In einem Minivan fuhren wir zwei Stunden lang bis zum Ufer und machten uns währenddessen – wie sich später herausstellte: absolut unberechtigterweise – Sorgen, dass wir die ganze Zeit nur im Bus und am Ende kaum in einem Boot sitzen würden.
Eine junge Frau stieg zwischendurch hinzu und legte mir aus irgendeinem Grund ihr Kulleraugen-Baby in den Schoß. Wie viele asiatische Kleinkinder hatte es keine Windeln an, aber den Drahtseilakt zwischen Mutterinstinkt/Höflichkeit und der Tatsache, nur eine bequeme Reisehose zu besitzen, meisterte ich mit Bravour. Das Boot, das uns anschließend bis zur Grenze brachte, hatte sogar eine Toilette und wir auf den Bänken viel Platz zum Hinlegen.

Erster Eindruck von Vietnam.

In Vietnam mussten wir die Boote wechseln und da fing es an. Wieder eines ohne Toilette. OK, mittlerweile habe ich meine Blase trainiert. Warum mich jedoch auf einmal die Müdigkeit so plötzlich überfiel, weiß ich nicht. Ich schiebe es mal auf drei Faktoren:

1) Die Malariaprophylaxe. Habe sie daraufhin abgesetzt und hoffe auf mein Glück, dass Malaria weiterhin ein nettes exotisches Wort für mich bleibt und mich nicht weiter tangieren wird.
2) Schlafmangel.
3) Auf einer Weltreise ist es ja so, dass man jeden Tag neue Dinge entdeckt, mit denen man beim besten Willen nicht rechnen konnte. Das ist durchaus so gewollt. Wenn man allerdings zu wenig Zeit hat, alles zu verarbeiten und länger an einem Ort zu bleiben, stellt sich eine Art Übermüdungseffekt ein. Und ob Ihr es glaubt oder nicht, asiatische Länder haben im Grunde nur eins gemeinsam: Sie sind uns Europäern völlig fremd. Vietnam ist anders als Kambodscha und Thailand auf keinen Fall mit China zu vergleichen. Deshalb konnte und wollte ich auf einmal, für mich völlig untypisch, nichts Neues mehr sehen.

In diesem energielosen Zustand kamen wir nun in Chao Doc an und wurden wie üblich sofort von bereitwilligen Transportmittelfahrern umringt, für die ich nur noch ein müdes Lächeln übrig hatte. Von Chao Doc gibt es im Lonely Planet keine Karte, also mussten wir uns durchfragen, wollten wir nicht ihre Dienste in Anspruch nehmen. Drei Mal dürft Ihr raten, wie auskunftsfreudig die Chao Docaner waren. Das lag nicht etwa an Bösartigkeit, sondern an der Tatsache, dass wir die einzigen Westler in diesem Dorf waren und sie absolut kein Englisch konnten. Mein Gehirn funktionierte auch nicht mehr so optimal und da war dann auch die neue Währung durchaus eine kleine intellektuelle Herausforderung. Waren in Kambodscha ein Euro noch 4000 Riel, ist ersterer in Vietnam 19000 Dong wert. Irgendwann sah ich nur noch Nullen.

Zweiter Eindruck von Vietnam.

Zur Aufmunterung beschlossen wir am Abend, auf einem Markt der Einheimischen ganz viele exotische Dinge zu probieren.
Erst entdeckten wir klebrigen Reis, der Rosinen und eine Wurst enthielt und in Bananenblätter eingewickelt war. Wir lachten uns halb tot über die kreative Kombination, natürlich in sicherer Entfernung vom Verkäufer. Später erkannten wir, dass die Wurst eigentlich eine Banane gewesen war.
Dann kamen wir an einem Stand mit seltsamen Waren vorbei. Ich wollte sie mir genauer anschauen, und sofort kam der Verkäufer auf mich zugestürzt. Es war ein Ladyboy, aber, so muss ich leider gestehen, ein sehr hässlicher. Man konnte ihn sofort enttarnen, das einzig Weibliche an ihm waren seine rot lackierten, langen Fingernägel, sein Pferdeschwanz und sein Gang. Aber er war trotzdem ein sehr netter – Fleischverkäufer. Er war so nett, dass ich aus Höflichkeit bei ihm etwas bestellte. Ich weiß bis heute nicht, was es ist, aber es sah am wenigsten eklig aus. Es schmeckte scheußlich. Meine schauspielerischen Qualitäten scheinen enorm zu sein, denn als ich alles hinuntergewürgt hatte, klatschte er zuvorkommend noch eine Scheibe der Fleischrestepastete auf meinen Teller. Ich wollte und will dieses „Essen“ nie wieder sehen. Aber es sollte mir noch einmal unter die Augen kommen, und zwar am nächsten Morgen in der Kloschüssel. Seitdem überlege ich mir ernsthaft, Vegetarierin zu werden.
(An dieser Stelle bietet sich der folgende lesenswerte – weil originell und gut geschrieben – Buchtipp an: Michel Faber: Die Weltenwanderin.)

Die Fahrt nach Vinh Long gestaltete sich auch nicht besonders angenehm. Wir saßen ganz hinten gequetscht in einem Minivan. Sind wir gewohnt. Aber nicht, wenn ein nach Zigaretten und Alkohol stinkender Mann versucht, seine Extremitäten auf Mélanies Schoß zu platzieren.

Seit zwei Tagen kann ich nun nichts essen, ohne dass mir übel wird. Ihr denkt, dass sei noch nicht genug des falschen Fußes? Während ich dies schreibe schläft gerade mein Rechter ein, denn ich muss mein Bein in einer seltsamen Position halten, um eine Verbrennung geschätzten zweiten Grades, so groß wie meine Kniescheibe, zu kühlen. Auch vom Moped sollte man mit dem richtigen Fuß steigen.

Tipps für den gesellschaftlichen Aufstieg

Das Wort „Tuktuk“ höre ich jede Minute geschätzte sechs Mal. Jeder der unzähligen, motivierten Fahrer bietet diese Fahrgelegenheit besonders gerne Touristen im Sekundentakt an. Als eines Tages dieses Wort eine Minute lang öfter als der Verkehrslärm in meine Ohren drang, verlor ich kurz meine Beherrschung. Da rief ich für die komplette Allgemeinheit mit ausladender Geste: „No Tuktuk!“
In die auftretende Stille fragte daraufhin ein schüchterner kleiner Kambodschaner:
„Moto?“
Ja, ich weiß. Sie wollen nur Arbeit.
Mélanie konnte es trotzdem nicht vermeiden, mir mit zusammengekniffenem Kiefer zuzumurmeln: „Eines Tages werde ich einen von ihnen töten.“

Diejenigen, die Krokodile züchten, sind – zumindest in Kambodscha – reiche Menschen. Nur fünf Zentimeter kurz und entsprechend günstig im Laden erhältlich sind die Archosaurier und wenn man sie großbekommt, kann man sie weiterverkaufen.
Liebe Shoppingtussis mit Vorliebe für Tierhaut, dies ist die moralische Erlösung: Mit Eurer Lebensphilosophie helft Ihr Kambodschanern beim Überleben. Ihr müsst beim Kauf nur drauf achten, wo das Material Eurer Handtasche herkommt.

Während der Halbzeit eines WM-Spiels organisierte eine bekannte Biermarke ein Trinkspiel. Die Aufgabe für die zwei Engländer und den Deutschen war einfach: Eine Flasche Bier exen ohne etwas zu verschütten.
Ihr dürft drei Mal raten, wer als erster fertig war. Richtig, die zwei Engländer, die das Bier wegkippten wie nichts. Während sie sich in ihrem offensichtlichen Sieg sonnten, trank der Deutsche immer noch langsam aber stetig sein Bier aus – und wurde zum Sieger gekürt. Er hatte eben nichts verschüttet.
Erinnerte mich ein bisschen an Aesops Fabel „Die Schildkröte und der Hase“. Aber die Freunde der Engländer brachten die Situation eigentlich auf den Punkt. Ich zitiere ihren enttäuschten Wortwechsel:
Engländer 1: „Germans can’t drink.“
Engländer 2: „But they know the rules.“

Übrigens, als ich grade gegoogelt habe, wie man „exen“ überhaupt schreibt, habe ich folgende Frage in einem Forum gefunden:

Hi, kann mir einer von euch sagen, wie man ein Bier (0.33l) schneller abexen kann. Manche können ja ihren Kehlkopf verschieben oder soetwas …

Ich kann mir nicht vorstellen, wieso man sowas wissen will, aber sollten meine Leser auch dazu gehören möchte ich Euch nicht die konkreteste Antwort vorenthalten. Schließlich soll mein Blog auch informativen Wert haben.

Riesen Schluck im Mund sammeln, das Glas erscheint halb leer. Durch die Nase einatmen, aber so, als ob du die Luft im behalten willst! Man zwingt sich so selber zum schlucken! Jetzt Mundinhalt runter, dabei muss der Nachschub schon wieder in den Mund laufen. Das Glas sieht leer aus, bevor das Bier die Kehle runter ist und wenn man dann noch elegant (= siegessicher) absetzt, erkennt das kein Arsch, bis das Bier echt verschwunden is!

Ich aber würde auf die gestellte Frage ähnlich antworten wie dieser Teilnehmer:

Ich schlage vor du schneidest Deinen Kopf ab und schüttest das Bier einfach direkt in den Hals.

Quelle: http://www.boardplanet.net/schneller-exen-t19882.html, Stand: 5. Juli 2010

Sinnliche Hauptstadt 2

3) Fischmassage.
Es gibt tatsächlich kleine Fische, die gerne menschliche Hautschüppchen fressen. Die Kambodschaner machen aus dem Symbiosedrang der Tierchen ein Geschäft und lassen Touristen ihre Füße in das Fischbecken hängen. Wenn das mal keine nachhaltige Wellness ist, von der jeder profitiert. Ich suchte mir natürlich das Becken mit dem Sonderangebot aus: 20 Minuten Öko-Fußmassage und ein Bier gratis dazu.

4) Das „Security Office 21“ (S-21) und die Killing Fields von Choeung Ek.

Ein Teil der fast zwei Millionen Menschen (immerhin über ein Fünftel der damaligen Bevölkerung), die zwischen 1975 und 1979 in Kambodscha ermordet wurden, fielen hier den Roten Khmern zum Opfer. Der Besuch der historischen Stätten ist auf nüchternem Magen und bei Kater nicht zu empfehlen.

Die meisten der 17000 Gefangenen von S-21 wurden außerhalb der Stadt in Choeung Ek ermordet und in Massengräbern verscharrt. Nur zwölf von ihnen überlebten. Eine riesige auf dem Gelände erbaute Stupa birgt heute an die 8000 Schädel und Gefangenenkleidung, um an die barbarischen Taten zu erinnern.

Als ich sie betrat, hätte ich mich fast zum zweiten Mal an diesem Tag übergeben. Ehrlich gesagt wäre mir persönlich ein künstlerisches Denkmal, meinetwegen auch ein seltsam modern verzerrtes, lieber, statt direkt mit den Originalschädeln und dem entsprechenden Geruch konfrontiert zu werden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Opfer tatsächlich der Ausstellung ihrer Körperteile zugestimmt hätten. Angesichts der traurigen Ereignisse unterdrücke ich die sarkastischen Kommentare, die mir in den Fingern jucken.
(Buchtipp: First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers [dt.: Der weite Weg der Hoffnung] von Loung Ung.)

Sogar eine überraschend gute Tanzstunde konnte ich in der kambodschanischen Hauptstadt besuchen. Die Lehrerin sah absolut nicht wie eine Tänzerin aus, kam aus New York und hatte dementsprechend einen seltsamen Mischmasch aus unterschiedlichen Tanzrichtungen parat (hauptsächlich von Irene Dowd, Rudolf von Laban und Martha Graham), die sie an mir und zwei anderen Schülerinnen ausprobierte. Ihr Motto: Stärkt die Körpermitte, dann können Arme und Beine frei tanzen. Das war mir zwar schon vorher bekannt, aber sie zeigte und wirklich erstaunliche Übungen, um das ersehnte Ziel zu erreichen.
Für Nicht-Tänzer werden auf dem Marktplatz Aerobic-Stunden angeboten.