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Wenn Ihr jetzt die Eingebung habt, dass Ihr am Besten alles stehen und liegen lasst und Euch in den nächsten 24 Stunden in ein Flugzeug nach Australien setzen solltet, dann habt Ihr eine besonders gute Intuition. Aber bevor Ihr die Badehose einpackt, solltet Ihr noch den praktischen Ablauf meiner Tour miterleben.

Ja, mein Budget ist klein und ich reise möglichst sparsam, aber wenn ich schon mal dem Great Barrier Reef ganz nah bin, dann will ich auch richtig hin. Ich habe also eine Zweitagestour auf der Reef Encounter gebucht, also inklusive einer Übernachtung auf dem Schiff.
Ich hoffte die ganze Zeit, es würde sich nicht um das Schiff handeln, das wir ganz eindeutig in einer Art Touristen-Wassertaxi ansteuerten, denn es sah ziemlich verrostet aus. Ich lag leider richtig. Aber innen gings eigentlich und zur Not gab es Rettungsboote und eine außergewöhnlich nette Besatzung. Außerdem ist die See warm und ich werde nicht wie Leo umgeben von Eisschollen erfrieren, sollte es hart auf hart kommen. Meine Resolution, keine Tabletten gegen Seekrankheit zu nehmen, um meinen Magen zu stählen hielt ungefähr zwei Minuten an, bevor ich diese geradezu in mich hineinwarf.
Auf dem Schiff gibt es ein Barfußlaufgebot und einen strengen Stundenplan, der ungewohnte Uhrzeiten beinhaltet. Um 6:15 Uhr kann man zum ersten Mal schnorcheln bzw. tauchen, um 11:45 Uhr gibt es Mittagessen, um 18 Uhr Abendessen. Was die Essenszeiten angeht kam ich mir ein bisschen vor wie damals bei meiner Oma.

Insgesamt habe ich sechs Schnorchelgänge staunend und ergriffen absolviert. Es stellte sich bei jedem erneut die Frage, ob ich den Tauchanzug anziehen soll oder nicht. Die Vorteile der engen Garnitur liegen auf der Hand: Man ist vor Quallen und krebsverursachenden Sonnenstrahlen geschützt, außerdem finden Haie einen dann nicht so lecker und man kann nicht untergehen. Die Nachteile: Man kann nicht tauchen, man wird nicht braun und – man sieht nicht gerade sexy aus.

… (kleine Pause, damit Ihr für Euch entscheiden könnt, was Ihr an meiner Stelle gemacht hättet)

Also ich war fünf Mal sicher unterwegs und ein Mal den Quallen ausgeliefert. Oder anders geschrieben: Ich war ein Mal appetitlich für Mensch und Hai und fünf Mal nicht. Ironischerweise habe ich mich an einer Koralle verbrannt, als ich eigentlich geschützt geschnorchelt bin. Was das wohl bedeuten mag?
Am ersten Tag habe ich nur eine Qualle gesehen, und die wurde zu dem Zeitpunkt von einem Schwarm Fische attackiert. Anscheinend hielt sie mich für die Quallenretterin, denn sie schwamm verzweifelt auf mich zu, als die Fische dank meiner Gegenwart von mir abließen. Ich bin schnell weggeschmommen und habe sie dem sicheren Tod ausgeliefert. Oder die Fische mit Futter versorgt, wie man es eben sehen möchte. Am zweiten Tag bin ich durch einen unendlich breiten Kleinquallenteppich geschwommen und kam fast nicht wieder raus. Aber ich hatte zum Glück den Tauchanzug an.

Zwischen den Schnorchelgängen saß ich meistens an Deck, schaute mir 360º Meereshorizont und weiße Quellwolken an. Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, ich dürfe mir alles von der Welt wünschen und würde es auch erfüllt bekommen. Aber wie das so ist, ich war einfach nur sprach- und wunschlos glücklich.

Anke im Wunderland

Kennt Ihr den Film aus den 90ern Die Besucher? Ein Ritter (Jean Reno) und sein Knappe werden durch einen Irrtum in unsere Zeit katapultiert. In einer Szene wird der Knappe auf die moderne Erfindung „Lichtschalter“ aufmerksam gemacht. Total begeistert betätigt er diesen im Millisekundentakt und ruft dabei erstaunt: „Tag, Nacht, Tag, Nacht, Tag, Nacht“.
Sowas ähnliches habe ich auch gemacht. In Schnorchelausrüstung schwimmend schaute ich aufs weite, blaue Meer, tauchte dann meinen Kopf rein und sah eine detailreiche Unterwasserwelt. Wasser, Wunderland, Wasser, Wunderland, Wasser, Wunderland.

Ich kann Euch hier nur ansatzweise beschreiben, was für eine erstaunliche, besondere, faszinierende Welt das Great Barrier Reef ist. Alle zwei Sekunden oder öfter gibt es etwas Neues zu entdecken, alle zwei Sekunden oder öfter ist man ergriffen von dem, was man sieht. Hinter jeder Koralle versteckt sich eine eigene kleine Wunderwelt. Dauernd bleibt einem der Mund offen stehen, und das nicht nur wegen des Schnorchels. Ihr müsst es unbedingt selbst sehen!

Die Dimensionen in diesem Wunderland sind wie in unserer normalen Welt dreidimensional. Der Unterschied ist, dass man sich auch in allen drei Dimensionen bewegen kann. Und das macht extrem viel aus. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich fliege. Vor allem wenn ich über die teilweise bis sehr nah an die Oberfläche heranreichenden Korallen schwamm und diese dann auf einmal zu Ende waren. Dann tat sich unter mir ein ca. 15 Meter tiefer Abgrund auf. Und ich konnte einfach drüberweg schwimmen.
Ich hatte den Eindruck, dass die Fische die Menschen neugierig umschwimmen. Sie zeigten keine Angst. Wieso auch? Schließlich ist das hier ein Naturschutzgebiet und kein Mensch darf ihnen etwas antun. Aber jetzt stell Dir mal das Leben eines Fisches vor (der Einfachheit halber ausnahmsweise die Anrede im Singular): Du bist ein Fisch. Mehr kann man dazu nicht sagen, denn mehr machen diese Tiere auch nicht, außer sie selbst sein. Sie schwimmen hierhin und dorthin, manchmal fressen sie was von der Koralle weg, manchmal von einem anderen Fisch und manchmal einen ganzen Fisch. Ich möchte nicht behaupten, dass ich wüsste, was ein Fisch so denkt, aber viel kann es nicht sein. Er existiert einfach. Und dann kommen Menschen und auch die schaut er sich ganz wertfrei an. Ich glaube, die Zebrafische sind diesbezüglich besonders neugierig, denn sie schwammen ganz nah an mich heran und verfolgten mich auch gelegentlich, wie auch schon auf den Whitsunday Islands.

Aber ich möchte Euch jetzt nicht die Aufzählung dessen, was ich gesehen habe, vorenthalten: Fische in allen Farben, Farbkombinationen und Größen (das ist keine Übertreibung und da ich keine Meeresbiologin bin, müsst Ihr Euch mit dieser Aussage zufrieden geben oder in ein Buch über Unterwasserwelten schauen), Schildkröten, Haie (die angeblich nur kleine Fische fressen und sich nicht für Menschen interessieren), Schwärme kleinerer Fische, die fast die gesamte Wasseroberfläche einnehmen, Schwärme größerer Fische, die von weitem aussehen wie ein Monstrum, Quallen, hereinbrechende Sonnenstrahlen und natürlich jegliche Arten, Formen und Farben von Korallen.

Und falls Ihr denkt, dass im dreidimensionalen Wasserraumchaos keine Ordnung herrscht, dann habt Ihr Euch getäuscht. Nix mit „ist doch alles eine Sauce“. Ich habe sehr große, blaugrüne Fische beobachtet, die nicht wie wir zum Lachen, sondern zum Ka**** in den “Keller” gehen. Danach schwimmen sie wieder Richtung Wasseroberfläche.

WGAuflösung

Ja, wir sind nach zwölf Tagen in Cairns angekommen. Meine Theorie von kalt nach warm, vom Jahreszeitenwechsel innerhalb von Tagen hat sich bestätigt: Die Nächte wurden immer wärmer bis sie sich in echte Tropennächte verwandelten. Moskitos, Hitze (besonders für mich, die in der kleinen Kuhle oben im Wohnwagen schlief)

und Palmen. Yes! Ich fühle mich zu Hause.
Vielleicht ist es den Tropen zu verdanken, dass Nori ENDLICH einen Fisch fing. Er (also der Fisch) lag dann zwei Tage bis zur Auflösung unserer kleinen WG im Kühlschrank und Nori fragte uns stündlich, ob wir ihn tatsächlich essen wollten oder nur so höflich taten.
Der letzte Tag vor der Abgabe des Wohnwagens verlief, wie überhaupt die ganze Reise, extrem stressfrei. Um 15 Uhr musste alles tiptop sein. Um neun Uhr standen wir auf. Von zehn bis 14:15 Uhr saßen wir in unseren Campingstühlen mit Blick aufs Meer und lasen. (Hier mein Buchtipp: Jane Eyre, am Besten auf Englisch lesen. Zu Recht ein Klassiker der Weltliteratur!) Nebenher aßen wir so viel von unseren Essensvorräten wie möglich. Auch Noris Fisch.

Wobei es eigentlich Knoblauch mit Fisch war …

Zur oben angegebenen Stunde fingen wir an, alles einzupacken. Ein paar Hippies profitierten von der Kühlschrankauflösung. Pünktlich um 15:10 Uhr gaben wir den Wohnwagen sauberst ab.
Meine Reise führt mich nun auch nicht mehr in kalte Gefilde, daher hinterließ ich meine Winterschuhe dem örtlichen Mülleimer. Ich hoffe, dass sie vielleicht noch jemand gebrauchen konnte.

Anke-Poetik-Metapher: Für jeden Menschen tickt die Uhr – und auch vor Schuhen macht die Vergänglichkeit nicht Halt.

Der Wecker war übrigens auch kaputt. Versucht mal, Sonntag Abend einen Wecker aufzutreiben, damit man Montag Morgen pünktlich um sieben Uhr geweckt wird. Klappt nicht. Aber der Zimmernachbar hatte viel Vertrauen in Menschheit und uns und stellte uns sein Handy zur Verfügung.
Ihr fragt Euch bestimmt, warum uns nicht schon vorher aufgefallen ist, dass wir eventuell einen neuen Wecker brauchen würden. Nun, Nori war zwölf Tage lang hauptberuflich Morgenstundenangler und Wecker. Man weiß eben oft erst was man hat, wenn es nicht mehr da ist. Übrigens werden uns auch bestimmt seine Komplimente fehlen, die er uns regelmäßig zur Aufmunterung, zum Lachen oder einfach so machte. „Mélanie, you look gorgeous. Anke, you look fantastic.“ Eigentlich wird uns unser lieber Nori überhaupt fehlen.
Er selbst war offensichtlich froh, als er uns endlich abgeben konnte.

Und noch was zum Lachen. Jetzt stehen definitiv die besten Englischversionen unserer beider Namen fest. Mélanie schien in den Augen eines Skippers auf den schönen Namen „Meloni“ zu hören. Ich musste dagegen einen Gletscherführer enttäuschen und ihm schonend beibringen, dass ich Anke und nicht „Anchor“ heiße.

Manno.