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Kunst + Geld = Egal?

Auf Reisen in Ländern mit an Inflation erinnernder Währung habe ich, metaphorisch gesehen, manchmal das Gefühl, auf meiner Stirn ein Schild zu tragen. Ein Schild, auf dem in der entsprechenden Landessprache steht: „Bitte melken.“ Und genauso selbstverständlich, wie es für einen Tuk Tuk-Fahrer ist, von mir aufgrund des Reichtums meines Herkunftslandes einen höheren Preis zu verlangen, ist es für mich, zu handeln. Wenn ich dann sehr engagiert um 175 Sri-Lanka-Rupien oder gar 28.050 vietnamesische Dong feilsche, vergesse ich allerdings manchmal: Für mein Gegenüber geht es um eine bedeutende Summe. Für mich um einen Euro. Wenn ich den verliere, merke ich es womöglich nicht einmal. Alles ist bekanntlich relativ.

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Ähnlich, auf einer finanziell höheren Ebene, fühlt es sich vermutlich für jemanden an, der bei einer Kunstauktion in 10.000er- oder gar 100.000er-Schritten mitbietet. Er „verliert“ 10.000 Euro und merkt es nicht einmal. Das heißt, er besitzt neben den Kunstwerken mindestens ein Eigenheim, sicherlich mehr als zwei Fortbewegungsmittel der Luxusklasse und verfügt über ausreichend Nahrung, Kleidung, Schmuck sowie jede Menge modernstes Unterhaltungszubehör. Darüber hinaus hat er immer noch einige deutsche Durchschnittsjahresgehälter übrig.

Wenn man ständig in mehrstelligen Beträgen rechnet, erscheinen zweistellige wie ein Witz. Anders aber als die Fahrt mit dem Tuk Tuk, die sich besser anfühlt, wenn man einen landesüblichen Preis und ein großzügiges Trinkgeld gezahlt hat, verleihen hohe Summen der Kunst ein nicht immer berechtigtes Qualitätsetikett, getreu dem gängigen Maßstab des Kunstmarktes: je höher der Preis, desto höher die Qualität. Letztere lässt sich übrigens nicht objektiv messen, auch nicht in den oberen Bereichen. Weshalb frisierte Einkaufspreise kaum auffallen. Und wenn man erwischt wird – einfach gelassen gestehen. Wen kümmern schon ein paar Millionen? Schließlich wären das umgerechnet … Moment: Der Euro ist ja doch ganz schön hoch im Kurs.

 

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