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Künstlerseele

„Pankok bedeutet Pfannkuchen“, „jeden Tag vor der Schule habe ich Goethe, Schiller und Thomas Mann gelesen“, „Conchita Wurst hat gewonnen, weil sie irritiert“, „ich habe versucht, die Seerosen von Monet abzumalen, aber das konnte mir als 14-Jähriger natürlich nicht gelingen“, „Borcherts Küchenuhr war meine Welt“. Als ich das Gespräch mit dem persisch-deutschen Künstler Cyrus Overbeck (*1970) beginne, muss sich mein Geist erst einmal auf die Geschwindigkeit, mit der Zitate, Namedropping, Anspielungen und kluge Gedanken aus seinem Mund geschossen kommen, gewöhnen. Ich erwäge kurz, ob dieser Mann einer jener Menschen ist, die ihr Halbwissen in konzentrierter Schnelligkeit verbreiten, ohne einen eigenen Gedanken von sich zu geben. Doch im Laufe des Gespräches wird klar:

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Cyrus Overbeck, Foto Michael W. Driesch

Overbeck spricht gerne und ausschweifend, hat jedoch selbst nachgedacht. Er ist belesen, spürt einen inneren Drang, sich aufrichtig mit der Welt zu beschäftigen, er begegnet sich selbst und schreckt auch nicht vor dunklen Schatten zurück. Seinen ununterbrochenen Zigarettenkonsum könnte man darauf zurückführen, dass er das nackte Leben spürt und etwas braucht, das ihn ablenkt. Vielleicht raucht er aber auch einfach nur gerne.

Obwohl Overbeck anderen Künstlern mit Demut begegnet, ist er weder ein Mensch, der mit seinem Wissen hinter dem viel zitierten Berg hält, noch einer, der sich sonst wie bescheiden versteckt. „En passant“ habe er den Holzschnitt revolutioniert, indem er das Papier durch Auftragen mehrerer Schichten in das Manifeste verwandelt. weiterlesen

Die Weisheit des Dr. F.

Grundsätzlich halte ich es für durchaus wünschenswert, wenn Ärzte sich auch für den Menschen hinter der Krankheit interessieren. Aber ich erschien bei Dr. F. weder regelmäßig noch übersäht mit blauen Flecken. Ich hatte mich lediglich aus dem Bett gequält, um verschreibungspflichtige Medikamente gegen den grippalen Infekt zu besorgen, den ich mir selbst bereits diagnostiziert hatte.

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Offenbar mangels Empathievermögen geriet Dr. F. in fröhliche Plauderlaune und fragte mich nach meinem Beruf. Mit Rücksicht auf meinen wunden Hals antwortete ich vage und mit spärlichen Worten. Dr. F. nahm dies jedoch zum Anlass, weiter zu bohren, bis er meine exakte berufliche Tätigkeit herausgefunden hatte, woraufhin er mich fragte, ob ich den Künstler L. kennen würde. Nein, krächzte ich leise und schaute möglichst leidend drein. Dr. F. empörte sich. L. müsse man doch kennen! Er deutete auf Originale, die in seiner Praxis hingen. An die Medikamente denkend versuchte ich, durch meine tränenden Augen hindurch die Gemälde des wohl berühmtesten mir unbekannten Künstlers zu erkennen. weiterlesen

Unter der Erde

Unter der Erde ist es düster, dreckig, geheimnisvoll. Und was macht der Mensch, der Sisyphos? Er will systematisieren, erschließen, zugänglich machen – wie das Tier, Franz Kafkas Alter Ego in der Erzählung „Der Bau“ von 1923/24, das unter der Erde obsessiv perfektionistisch ein komplexes Tunnelsystem gräbt. „Die Arbeit am Burgplatz erschwerte sich auch unnötig (…) dadurch, daß gerade an der Stelle wo der Platz standesgemäß sein sollte, die Erde recht locker und sandig war, die Erde mußte dort geradezu festgehämmert werden, um den großen schön gewölbten und gerundeten Platz zu bilden. Für eine solche Arbeit aber habe ich nur die Stirn. Mit der Stirn also bin ich tausend und tausend mal tage- und nächtelang gegen die Erde angerannt, war glücklich wenn ich sie mir blutig schlug, denn dies war ein Beweis der beginnenden Festigung der Wand.“

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Thomas Schütte: “Bunker, Modell V”, 1981,Tusche und Sprühfarbe auf Papier, ca. 70 x 100 cm, © VG Bild-Kunst, Foto Kunstsammlung NRW

Die Ausstellung Unter der Erde – Von Kafka bis Kippenberger im K21 befindet sich zwar unter der Erde, aber sie ist, umgeben von hellgrauen Wänden, übersichtlich, glatt und gut beleuchtet. Der schwarz-neongelbe Katalog riecht so wie letztgenannte Farbe. Ich muss niesen. Am Ende des Rundgangs gehe ich hinaus auf die Wiese hinter der Bar am Kaiserteich, um mir das Werk von Kris Martin anzuschauen: ein weißer, glatter Klotz mit der Aufschrift Unter der Erde scheint die Sonne (2014). Er erinnert weniger an einen Grabstein als an eine Bank, die zum Verweilen einlädt.

Sterne unter der Erde. weiterlesen