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Zeitsinn

Wenn man dann angelegt, das Feuer gemacht und das Zelt aufgebaut hat, drängt sich auf einmal ein sehr wertvolles Gut auf: Zeit. Es fiel mir anfangs schwer, dem allgegenwärtigen Anspruch “Zeit muss sinnvoll genutzt werden” den Stinkefinger zu zeigen. Aber dafür gab es die anderen Gruppenmitglieder, die den Alltag Zuhause scheinbar mühelos wegschieben und sich dem reinen Spaß widmen konnten.

An unserem Ruhetag lag ich grübelnd in der Sonne, als sich vor mir ein Spektakel aufbauen würde, das mir für den nächsten Tag mehr Lach- als Paddelmuskelkater bescheren sollte: Die Jungs versuchten, eine Rutsche von einem Felsen ins Wasser zu bauen. Unten Schwimmwesten, darauf eine Plane, die irgendwie mehr Grip hatte als der Felsen. Um den Rutscheffekt zu erzielen, entfremdeten sie eine Schwimmweste zu einem ausgepolsterten Slip, sodass sie, zumindest untenrum, aussahen wie Sumoringer. Wenn einer rutschte, kippte ein anderer mit einem kleinen Kochtopf Wasser hinterher. Die Proportionen waren etwas ungleich. War zunächst der Rutschenbau vorrangiges Ziel (und mir zu zielorientiert) gewesen, wurden die akrobatischen Einlagen und das Wegschmeißen vor Lachen zum Hauptinhalt.

Dalsland_Schweden_2013 © Anke Ernst
Waschen, vom Feuer abwenden, hilft alles nix. Du wirst durchgeräuchert wie ein Lachs.

Völlig sinnfrei, dafür mit Urschreien von einer hohen Klippe springen hilft auch gegen zu viel Nachdenken. Wenn ich keinen Bock mehr auf Leute hatte, ging ich einfach weg und setzte mich unter einen Baum, ans Ufer, legte mich in die Hängematte.

Im Alltag vergisst man häufig, was eigentlich wichtig ist. Ich meine jetzt nicht, ein guter Mensch zu sein. Ich meine Trinkwasser, Nahrung, Schlaf, Unterstützung der Mitmenschen. Waschen würde ich auch dazu zählen (obwohl der Lagerfeuergestank direkt wieder am Körper Haftung suchte). Die Kälte des Wassers nahm ich gerne in Kauf für diese Aussicht beim Haarewaschen:

Dalsland_Schweden_2013 © Anke Ernst