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Frauen im Fluss, Männer am Herd

Unsichtbare Schranken: So nah und nicht näher durfte ich in Begleitung einer anderen Frau den männlichen Kricketspielern kommen. Ja, ich habe mit Zoom fotografiert.

Während ich das Verhältnis zwischen den Generationen als sehr klar und strukturiert empfunden habe, gab mir das der Geschlechter Rätsel auf. Eigentlich gehen zumindest junge Frauen nirgendwo hin ohne ihren Mann / Vater / Bruder. Zum Beispiel durfte ich mich nicht allein mit Sadhana den Kricketspielern nähern, obwohl ich so gerne aus der Nähe gesehen hätte, wie dieses Spiel gespielt wird und ich außerdem total züchtig angezogen war. Als wir im Fluss gebadet haben, wuschen die Mädels die Hemden von Vater und Sohn. Aber dann fragte mich Sohn Janitha einmal, wieso ich nur der Mutter für das Essen danken würde, wo doch alle mitgekocht hätten. Und das stimmte, ich hatte einfach eine Schablone im Kopf nach dem Motto “Frau = nicht gleichberechtigt”. Sie hielten sich echt alle in der Küche auf, sogar der Vater kam ab und zu vorbei und schnippelte etwas.

Am Alter konnte ich mich da schon eher orientieren. Die Mutter der Familie ist eigentlich nur 13 Jahre älter als ich, jünger als einige meiner Freunde, aber sie ist wirklich eine echte Mutter, die mich so sehr ins Herz geschlossen hat, als wäre ich ihr viertes Kind. Der große Bruder Janitha (22) erlaubt der kleinen Schwester Sadhana (19) weder, ein Facebook-Account zu öffnen noch ein Handy zu besitzen. Erst, wenn sie die Schule fertig hat. Ich hab mich kaputt gelacht – wenn mir mein Bruder so was erzählen würde, wo kämen wir denn da hin? Nach Sri Lanka halt. (Vielleicht ein Opfer Wert …)

“Habit is greater than Nature”. Inschrift an einem Schulgebäude in Sri Lanka. Der nach unten gerichtete Pfeil zeigt, wo es langgeht.

Ganz krass äußert sich die Altershierarchie an einer Verhaltensweise, die mich ziemlich irritierte. Und ich glaube, ich könnte mich nicht daran gewöhnen, obwohl ich mich eigentlich verhältnismäßig schnell in mir fremden Kulturen zurechtfinde. Wenn man sich verabschiedet, knien sich die Jüngeren vor den Älteren auf den Boden und berühren ihn mit der Stirn. Der Ältere muss dann einen bestimmten Spruch sagen, bevor der Jüngere aufsteht. So wird die Hierarchie bestätigt. Ich nehme an, dass es sich nicht in allen Regionen Sri Lankas so verhält, denn später im Süden fragte ich andere Einheimische danach, die mir zu verstehen gaben, dass dieses Niederwerfen nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire gehört. Naja, in Urapola ist es jedenfalls so. Es mag an meiner Kultur liegen, aber ich kann mich nicht vor jemandem auf den Boden werfen und ich fand es total unangenehm, wenn die Jüngeren das bei mir machten. Selbst ein 22-Jähriger! Gott sei Dank hat die Familie nie von mir erwartet, mich auch hinzuknien. Manchmal erscheinen die kulturellen Grenzen eben unüberwindbar – aber man kann auch einfach mal einen Bogen drum machen.