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Verhängnisvolle Jackfrucht

Ich schlief sehr schlecht. Zu groß die Aufregung, alleine in einem mir unbekannten Hostel zu sein, in einem völlig unbekannten Land, wenn mich am nächsten Tag ein mir unbekannter Mann abholt und in den Dschungel bringt. Und zu krass der Jetlag. Um genau zu sein, schlief ich von 23 bis 2 Uhr und von 6 bis 9. Dann klingelte mein Wecker und ich, die ich meinen eigenen Tod schon in diversen Szenarien vor Augen gehabt hatte, stand auf und fühlte mich wie auf dem Weg zur Guillotine. Mit dem Unterschied, dass ich sie sozusagen freiwillig gewählt hatte. Aber es gab ja nur eine Alternative: mich einbunkern, bis mein Flieger zurückging. Also doch keine.

Niss holte mich pünktlich ab. Zuerst hielten wir an einer Autowerkstatt, weil seine Tankanzeige kaputt war. Er empfahl mir, in der Bank nebenan Geld abzuheben. Das konnte nett gemeint sein oder auch eine Taktik, mehr Geld durch meinen Tod an sich bringen zu können. Ich hob Geld ab, blieb aber auf der Lauer. In der Werkstatt beobachtete ich die zahlreichen Angestellten bei ihren diversen Aufgaben. Bei manchen konnte ich auch nach langer Wartezeit herausfinden, welche das überhaupt war. Es gab einen Mann, der für Ankommende eine Schranke hochziehen und sie wieder herunter lassen musste. Es kamen halt wenige Menschen vorbei, aber das schien ihn nicht weiter zu stören, immerhin hatte er ein kleines Bewachungshäuschen für sich. Und, viel wichtiger, eine Uniform. Dann standen bis zu fünf Männer unter dem zu reparierenden Auto. Für meine unbedarften Augen sah es so aus, als wechselten sie sich immer ab, um eine Schraube festzuziehen. Vielleicht wusste auch einer Bescheid und lernte die anderen an. Keine Ahnung. Jedenfalls verwendeten sie auch nicht wenig ihrer Arbeitszeit für die eingehende Betrachtung einer ausländischen Fremden, mich. Daher verzog ich mich irgendwann einfach ins klimatisierte Büro, ein Beobachtungsposten, der den Beobachter weitestgehend in Schutz nimmt.

Um die Rechnung zu bezahlen, lieh sich Niss bei mir Geld, weil er angeblich seine PIN-Nummer vergessen hatte. Im Gegenzug erzählte er mir sein halbes Leben, von einem Unfall 1969, durch welchen er sich fünf Wirbel brach und immer noch unter den Folgen leidet (die er mir kurz zeigte, manche Dinge muss man nicht gesehen haben), über den Entschluss, als Buddhist zwar nicht zu töten, sich aber dennoch mit Wissen seiner Frau eine Geliebte zuzulegen, denn seine Frau wollte seit 30 Jahren keinen Sex mehr (manche Dinge muss man nicht gehört haben), und dem Leben seiner drei Kinder.

Tatort Dschungel.

Wir hielten noch bei Niss zu Hause, damit er seine PIN-Nummer holen konnte, während eines anderen Haltes kaufte er frischen Maniok, dann wiederum besuchte er kurz einen Freund, der uns Tee servierte und Niss seine Bananenschalen mitgab (für die Ziegen!), wir hielten auch für den Kauf eines Bienenhauses und letztendlich, schon fast da, im Dschungel, kein Mensch weit und breit, um, ebenfalls für die Ziegen, zwei Äste eines Jackfruchtbaums mitzunehmen. Diese hingen noch am Baum und so musste Niss mit einem senseartigen Werkzeug hantieren. Dieses Todesszenario hatte ich mir bei aller überbordender Fantasie echt nicht vorstellen können. Durch die Sichel eines Jackfruchtbaums sterben! Naja, wenigstens ein außergewöhnlicher Tod. Aber wir holten tatsächlich nur die Äste und fuhren weiter. Und kamen endlich an.