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Paul Klee, Hundertsassa

Paul Klee: “omphalo-centrischer Vortrag”, 1939, 690 (KK 10), Kreide und Kleisterfarbe auf Seide auf Jute auf Keilrahmen, 70 x 50,5 cm

In einer Rede über moderne Kunst im Jahr 1924 vergleicht sich Paul Klee (1879-1940) mit einem Baum. Informationen über die Umwelt, die „Orientierung in den Dingen der Natur und des Lebens“, nimmt er über die Wurzeln auf. Durch den Stamm fließen sie in die Krone, die für seine Kunst steht und „sich zeitlich und räumlich nach allen Seiten hin sichtbar entfaltet“. Zentraler Bestandteil dieser Metapher ist der kunstgeschichtlich gesehen moderne Gedanke, dass die Dinge nicht möglichst realitätsgetreu wiedergegeben, sondern vielmehr interpretiert und auf individuelle Weise dargestellt werden sollen. Klees Werk als die Baumkrone, die eben kein genaues Abbild ihrer Wurzeln ist, wird ab dem 29. September im K21 Ständehaus gezeigt.

In dieser Spannung zwischen Erde und Luft befindet sich Paul Klee, einer der Hauptvertreter der klassischen Moderne, auch in gesellschaftlichem Sinne. Er versucht zeitlebens, sich in der oberen Mittelschicht zu verwurzeln und ein entsprechend bürgerliches Leben zu führen. Obwohl sein Künstleranteil dies abfällig als „bürokratisch“ einstuft, ist er beispielsweise einer der wenigen Künstler, die selbst minutiös ein umfangreiches Werkverzeichnis anlegen. Der Öffentlichkeit stellt sich Klee als weltabgewandter Künstler dar und ist es in gewisser Weise auch: Er versucht stets, weiter in die Höhe zu wachsen und seine Zweige in alle Richtungen sprießen zu lassen, was für ihn vor dem bürgerlichen Leben Priorität hat. 1916 schreibt er: „Ich suche einen entlegenen schöpfungsursprünglichen Punkt, wo ich eine Art Formel ahne für Mensch, Tier, Pflanze, Erde, Feuer, Wasser, Luft und alle kreisenden Kräfte zugleich. Der Erdgedanke tritt vor dem Weltgedanken zurück.“ Der „Weltgedanke“, der im Abstrakten zu finden ist und in dessen Interpretationsspielraum die Chance und auch die Gefahr liegen, von Erdenkräften gepackt, abgebrochen und instrumentalisiert zu werden, gibt dem Künstler bis zu seinem Tod Halt.

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