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Grenzüberschreiter

Es war einmal ein Maler, der hatte es sich mit einer bösen Fee verscherzt. Wütend verdammte ihn das Zauberwesen dazu, ewiglich seiner Berufung nachzugehen. Aber immer wenn er ein Kunstwerk vollendet hatte, tat sich die Erde auf und verschlang es. Der Maler war verzweifelt. Er schuf und schuf, doch keines seiner Werke blieb vom Erdboden verschont. Unermüdlich malte er, Stunde um Stunde, Tag und Nacht.

Mit der Zeit machten seine Wut und Verzweiflung jedoch befreitem Atmen Platz. Und der Maler erkannte, dass er eigentlich gesegnet worden war. Er malte inzwischen nur noch, weil er Lust darauf hatte. Ohne sich um das Ergebnis oder die Meinung anderer zu scheren.

Gut, rationale Geister mögen nun fragen, ob der Künstler des Märchens wohl einen besonders toleranten Vermieter hatte oder ob ihm die Abfälle der Wohlstandsgesellschaft Nahrung genug waren. Aber lassen wir dies einmal außen vor und konzentrieren uns auf die Kernfrage:

Was würden Sie tun, wenn das Ergebnis Ihrer Arbeit sofort zerstört werden würde?

Dies mag für die Steuerberater unserer Gesellschaft eine gefährliche Überlegung sein, jedoch ist sie für Kunstschaffende von nicht zu unterschätzendem Wert. Und mit „Kunstschaffenden“ sind sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen Künstlergemeint.

Würden Sie, wütend auf die verdammte Fee, niemals wieder einen Pinsel in die Hand nehmen und in trotziger Haltung ein sehr wahrscheinlich spaßfreies Dasein fristen, welches jedoch ausschließlich präsentable Ergebnisse an den Tag bringt? Aber wieso eigentlich? Ich behaupte: Die Motivation eines Malers, einen Pinsel in die Hand zu nehmen und sich damit auf einer Leinwand auszutoben, liegt idealerweise ganz woanders.

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