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Klosterleben 2

Ich habe gelernt, mit meinem Geist umzugehen. Oder sagen wir so: Ich habe Techniken gelernt, mit denen ich meinen Geist trainieren kann. Ihr fragt Euch jetzt, warum das wichtig ist. Schaut Euch die Beispiele im ersten Klostertext an. Ich höre was und sofort spinnt mein Geist Gedanken nach Gedanken nach Gedanken und in der Zwischenzeit lebe ich eigentlich, aber ich kriege es gar nicht mit. Das ist John Lennons Zitat (frei aus meiner Erinnerung) „life is what happens while you’re busy making other plans“ in seiner reinsten Form. Hier die gute Nachricht: (Destruktive) Gedanken sind kontrollierbar. Tja, und jetzt kommen wir zu dem, was Leben eigentlich ist.

Es geht darum, den Moment erst mal so zu akzeptieren, wie er ist und ihn völlig geistesgegenwärtig zu erleben. Meditation hilft einem dabei, die eigentliche Realität zu erkennen (übrigens lese ich grade 1984 von George Orwell, darin gibt es interessante Gedanken über das, was Realität und Wahrheit eigentlich sind und wie wir sie uns gerne zurechtbiegen, sehr aktuelles Buch). Wir haben natürlich einige Übungen gelernt, wie wir diese Achtsamkeit weiterentwickeln können.

Und wir wurden aufgefordert, über die wichtigsten Wahrheiten zu meditieren. Zum Beispiel folgende:

Was wir für ein Glück haben. Wir kommen aus reichen Ländern, haben genug zum Essen, Geld für ein Flugticket nach Thailand, wir haben Redefreiheit, Bildung… . Liste endlos fortsetzbar.

Die Unvermeidbarkeit des Todes. Alles, was ist, wird vergehen. Ich werde sterben. Alle werden sterben. Und wir wissen nicht, wann. Ist das pessimistisch? Nein, realistisch. Und (wie ich nach einer schrecklichen Nacht erkannt habe) befreiend, denn das vor Augen habend wird man sich nicht gerne im Streit von jemandem verabschieden, man wird Gutes tun wollen, damit man am Sterbebett ruhig loslassen kann, man wird den aktuellen Moment erleben wollen, denn er ist alles, was wir haben.

Das Gesetz von Karma. Wenn ich gut handle, kann ich theoretisch im nächsten Leben als erleuchtete buddhistische Nonne wiedergeboren werden (das ist meine eigene Interpretation und sie kommt mir momentan noch nicht so erstrebenswert vor). Das Prinzip ist aber ziemlich cool, denn es überträgt mir die Verantwortung für mein Handeln. Ich muss mich nicht mehr schlecht fühlen, weil Jesus für mich gestorben ist. Jeder stirbt allein und jeder übernimmt die Verantwortung für sein Handeln. Nix mit „aber das Problem war, dass damals die Umstände, und aus imagetechnischen Gründen musste ich…“. Man kann seine Fehler entweder wieder gut machen oder wenn das nicht geht, darüber meditieren, damit es nicht wieder passiert.

Die Essensmeditation beinhaltete drei Faktoren. Erstens: Wir essen, um unseren Körper zu nähren. Zweitens: Lerne zu schätzen, dass Du Essen hast, wo es doch so viel Hunger auf der Welt gibt. Drittens: Schätze, wie viele Menschen dazu beigetragen haben, dass Du jetzt dieses Essen hast, z.B. die Reisbauern, die Nonnen, die kochen, etc.

Alle Lebenwesen leiden. Wird im Buddhismus „Dukkha“ genannt, ein Wort, das jede nur erdenkliche Art von Leiden beinhaltet. Von Neurodermitis bis zu Eifersucht, von Todesqualen bis zu Erwischtwerden beim Schwarzfahren. Deshalb haben wir im Retreat gelernt, wie man für jeden Menschen inklusive sich selbst und auch jedes Tier Mitgefühl (nicht Mitleid!) und liebende Güte (lovingkindness) entwickeln kann. (Ich schreibe bewusst, „entwickeln kann“, denn ich bin noch lange kein Master dieser Disziplin, sondern stecke vielmehr in den kleinsten Kinderschuhen, die man sich vorstellen kann.) Das bedeutet nicht, dass man jeden mag. Aber man kann irgendwann die Person von der Tat unterscheiden. Und man versteht dann auch innerlich und nicht nur intellektuell, dass der arrogante Schnösel auf der Arbeit eigentlich leidet, ebenso wie die Zicke an der Supermarktkasse. Denen kann man im Idealfall mit Güte und Mitgefühl begegnen, anstatt sie auch noch anzuschnauzen und das Dukkha zu vermehren. Das verändert die eigenene Konditionierung, durchbricht den Kreislauf von Hass, Missverständnissen, Streitereien, Beschuldigungen, Geschrei, usw. und lenkt das Gesetz von Ursache und Wirkung in die gute Richtung. Wieder eine Form des Loslassens und Sich-Befreiens. Wenn man das drauf hat, dann tangieren einen Beleidungen und hinterfotziges Verhalten einfach nicht mehr. Und man behandelt sogar sich selbst mit Verständnis und Mitgefühl. Finde ich ziemlich erstrebenswert.