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Ich schreibe Euch aus Siem Reap. Bedeutet: „Niederlage der Siamesen“, und zwar die der heutigen Thais im 17. Jahrhundert. Von Niederlage spüre ich persönlich nichts. Im Gegenteil, ich sitze in einer Bar mit Live-Musik, zahle mit amerikanischen Dollars und schaue mir die Touristenstraße von oben an. Ein Dollar bedeutet für mich nicht mal ein Euro. Für die Kinder, die am Ende der Straße betteln, bedeutet er 4000 Riel und mindestens zwei Mahlzeiten, wenn nicht drei oder vier.

Manchmal komme ich mir vor wie eine Frau aus der Zeit des Imperialismus. Den Zustand der Kolonialisierung kennt das Land schon – 1850 übernahmen die Franzosen hier das Kommando. Passend zu dem unangenehmen Gefühl werde ich immer mit „Lady“ angesprochen. Weiße Haut hebt sich von der dunklen ab. Der pseudoalternative Style der Touris kann die Klammottenfetzen der Bettler nicht kaschieren. Die meisten Franzosen sind heute zwar weg, aber der Westen noch lange nicht.

Oft überlege ich, was für ein Glück wir in unserer Festung Europa haben. Dort fallen wenige durch das soziale Netz. Hier gibt es nicht mal eins. Wenn die Kinder am Ende der Straße kein Geld bekommen, dann heißt das Hungern. Leben am Existenzlimit, jeden Tag Tuktuk fahren und sonst im Schatten dösen und mit den Kumpels quatschen.
Ich frage mich, woher die strahlenden Lächeln herkommen (siehe „Wie Kambodscha überzeugt“, 25. Juni 2010).

Gegenüber wird auf zwei großen Bildschirmen die Fußball-Weltmeisterschaft übertragen. Über die Leinwände flimmern die Spiele, aber auch Gesichter von Menschen, die in der Fußballwelt offensichtlich etwas zu sagen haben. Touristen schauen gebannt von der Bar aus zu und kommentieren mehr oder weniger fachmännisch. Einheimische, die meisten davon Tuktuk-Fahrer, stehen auf der Straße und schauen auf eine Welt, die ihnen unglaublich seltsam und fremd vorkommen muss. Diese Welt ist bunt, laut und reich. Und macht ihnen explizit klar, dass sie weltweit die Hosen anhat. Sie gibt vor, was die Länder der Dritten Welt zu erreichen haben.

Hauptsache Englisch.

Warum können Dollar und Euro festlegen, was richtig und was falsch ist? Ist es wirklich so, dass derjenige, der die Macht hat, auch weiß, was glücklich macht und definiert, was erstrebenswert ist?

Bestes Beipiel für die verquere Logik ist der unglaublich nette Mann meines Alters, der uns durch die Tempelanlage von Angkor führte. Er erklärte uns, dass Buddhismus der jungen Generation nichts mehr bedeute. Es gebe ja jetzt das Internet, da könne man alles finden.