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Hitchhiking in NZ

Gut, dass Mélanie schon während ihrer Reise in Schottland gelernt hat, dass „per Anhalter fahren“ auf englisch nicht „hijacking“ (engl. für „entführen“), sondern „hitchhiking“ heißt. Das hat uns mit Sicherheit sehr viel Ärger erspart.

Zur Info vorweg: Wir haben Neuseeland von Nord bis Süd komplett durchquert und dabei kein einziges Mal einen Bus bestiegen. Hier eine kleine Auswahl der Autofahrer, die uns mitgenommen haben und in meinen Erzählungen noch nicht erwähnt worden sind:

– Ein englisches Pärchen im honeymoon, das zur Hochzeit keine materiellen Geschenke, sondern erinnernswerte Ereignisse wie einen Raftingnachmittag, eine Gletscherbesteigung und ähnliches bekommen hat. An meine Familie und Freunde: Falls ich jemals heirate möchte ich das auch haben.

– Ein Psychologe, der Spielsüchtige behandelt.

– Ein Anwalt, den seine Klienten lieben und der sehr viel Geld verdient. Die genauen Zahlen durften wir auch erfahren. Er lässt sein Haus immer unabgeschlossen, ebenso den Schlüssel über Nacht im Zündschloss stecken. Was für ein Vertrauen in die Menschheit.

– Ein junger Mann, der Ökotourismus studiert und eine Kochlehre angefangen hat und jetzt Bulldozer fährt, weil ihm das so viel mehr Spaß macht. Er will in Zukunft eine Inderin heiraten. Während der Fahrt hielt er an mehreren Orten und stellte uns u.a. Tutu, eine Spezialität der Maoris vor, die ich bestimmt nicht probieren möchte: Eine Pflanze mit Beeren in Griesgröße. Die Beeren sind die Delikatesse, der Kern, der sich in jeder Beere befindet, ist so giftig, dass er zehn Menschen auf ein Mal umbringen kann.

– Ein Makler, der uns zu einigen Hostels fuhr, bis wir endlich einen ordentlichen Schlafplatz gefunden hatten.

– Eine Schottin, die hier Wein anbaut und die regelmäßig Anhalter mitnimmt, die sie dann so nett finden, dass sie für sie arbeiten. Ich war kurz versucht, meine Reise zu unterbrechen.

– Zwei Freundinnen, die grade shoppen waren und uns ihr Heim zum Übernachten anboten. Die eine erinnerte mich übrigens an meine Mutter (hier ein kleiner Gruß an sie).

– Ein Surfer, der in Neuseeland und der Schweiz Wirtschaft studiert hat und jetzt als Bauer arbeitet.

– Ein schweigsamer maorischer Bauarbeiter.

– Ein Alkoholverkäufer, dessen Rückbank ich für einen ausgiebigen Mittagsschlaf genutzt habe. Gut, dass Mélanie vom Beifahrersitz aus Konversation betrieben hat. Die schöne Landschaft hab ich leider verpennt.

– Ein älteres australisches Pärchen. Der Mann war in den 70ern schon mal in Neuseeland herumgereist und auch per Anhalter gefahren. Diese Fahrt war sehr gemütlich und außergewöhnlich lang.

– Eine Bankangestellte in meinem Alter, die vor kurzem von ihrem Mann verlassen wurde, weil sie drei Totgeburten gehabt hat. Jetzt will sie erst mal in der Welt rumreisen.

– Ein Holländer mit doppelter Staatsbürgerschaft, der bei der neuseeländischen Armee anheuern wollte. Als er mir erzählte, dass er in Holland nicht mehr leben wollte und ich in dem Zusammenhang den Sieg der Rechten bei den Wahlen erwähnte meinte er, dass er die Partei auch gewählt hätte (ups). Aber in Holland gäbe es wohl Werbung mit Hinweisen, wie man mit netten Menschen umgeht. Das war der Hauptgrund für seine Auswanderung. Er hat uns sehr weit gefahren, obwohl die Stecke gar nicht mehr auf seinem Weg lag.

– Ein Ingenieur in Managerposition, der uns mit seinem Sohn verkuppeln wollte. Er machte ihn uns schmackhaft, indem er ihn wie folgt beschrieb: Er hat keine Freundin, sieht gut aus, hat ein Schiff und viel Geld. Wir haben ihm seine Visitenkarte förmlich aus der Hand gerissen.

– Ein deutsches Ehepaar mit einem sechs Monate altem Baby. Tipp für alle jungen Eltern: Solang das Kind noch so klein ist, hat man sehr geringe Reisekosten und das Kind schläft dauernd. Den Mutterschaftsurlaub kann man so für eine ausgiebige Reise durch Neuseeland im Wohnwagen nutzen.

– Ein alter Japaner mit eigener Firma für Temperatursensoren, den ich kaum verstanden habe. Aber das Wichtigste schon: Nebenher sagt er Menschen die Zukunft voraus. Meine hat er anhand meines Geburtsdatums kurz prophezeit: Ich bin ein hart arbeitender Mensch, sehr ehrgeizig und klug. Ach so. Sein Sohn sprach übrigens kein englisch und ignorierte uns überwiegend. Als ich zum Abschied das einzige japanische Wort, das ich kann, aus meiner Erinnerung kramte, nämlich „arigató“, leuchteten seine Augen plötzlich auf.