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Besondere Menschen

Brett, der Weinhändler. Der Mann mit dem seltsamen Namen hat nichts mit der gesichtslosen Holzplanke gemein. Ein sehr herzlicher Mensch, der stolz von Neuseeland und seiner kleinen Tochter Emily erzählte und nicht wenige Umwege fuhr, um uns besondere Naturereignisse rund um Taupo zu zeigen. Dazu gehören zum Beispiel ein Fluss, der warmes Wasser führt,

stinkende Schwefelquellen und 90°C heiße Schlammtümpel, die sich laufend durch Blubbern bemerkbar machen und aus schwarzen Schwefel bestehen.

Brett bot uns auch einen Schlafplatz an und machte kindgerechte Hamburger zum Abendessen.

Mike, der Botaniker. Wir brauchten nicht mal per Anhalter zu fahren, sondern ihn nur nach dem Weg zu fragen, um Obdach bei ihm in Te Anau zu bekommen. Er öffnete uns die – übrigens immer unabgeschlossene – Tür seiner Wohnung und ging zur Arbeit. Überall lagen Thriller herum, deren Titel Worte wie „kill“ und „murder“ beinhalteten. Sehr beruhigend wenn man den Menschen grade mal fünf Minuten kennt und bei ihm in der Wohnung schlafen wird.
Da er keine Gäste erwartet und deshalb kein Feuer gemacht hatte, zog ich zum Schlafen so ziemlich alle Kleidungsstücke an, die ich hatte. Auf dem Rückweg von Milford Sound übernachteten noch einmal bei Mike. Er kochte, diesmal bei einem wärmenden Feuer, frischgeschossenes Reh (ich wollte keine Details hören) und selbstgesammelte Pilze

und wir guckten drei Filme hintereinander. Als ich ihm mein Rückenleid klagte (diese Betten in den Hostels sind wirklich nichts für Frauen Ende zwanzig) eröffnete er mir, dass Holzzerkleinern ein gutes Mittel dagegen sei. Danke, meinem Rücken ging’s nicht besser, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

Zum Abschied schenkte er uns Pilze und ein Glas voll selbstgemachter Creme, ich glaube gegen Ekzeme oder Neurodermitis, die normalerweise 150 Euro kostet. Ich habe keine Verwendung dafür, aber falls jemand was damit anfangen kann, der melde sich bitte.

Murray, der Mann mit dem trockensten Humor seit Menschengedenken. Wir hatten erst ein bisschen Angst vor ihm und ich erwähnte vorsichtshalber, dass ich den schwarzen Gürtel in Karate habe. Dann aber erkannten wir seine wahre Natur. Gut, dass er grade eine Woche Urlaub hatte. Er meinte, wir dürften die Südinsel nicht verlassen, ohne an ihrem südlichsten Punkt gewesen zu sein und fuhr uns direkt nach Bluff inklusive special Service:

Südlicher geht’s nicht.

Ich halte hiermit mein Versprechen gegenüber Murray und erwähne, dass es sich bei Bluff um das „Ar***loch der Welt“ handelt. Bitteschön. Überhaupt hat er mir sehr viel interessantes Vokabular beigebracht. Dazu gehört „holy hell“, „jack shit“ (was soviel bedeutet wie „ist mir doch egal“) und „open the boot, bro“ („mach den Kofferraum auf, Bruder“).
Als ehemaliger Alkoholiker ersetzt Murray heute Bier durch tägliche knapp fünf Liter Diätcola. Uns spendierte er aber trotzdem ersteres, und zwar kurz nach vier. In Invercargill, der südlichsten Stadt der Welt, gab’s dann die obligatorischen „Fish and Ships“ obendrauf, ebenso wie die unumgängliche abendliche Mörderserie, die hier – ich hoffe mangels Alternativkanälen – anscheinend jeder guckt.
Sollte Murray nie wieder an mich denken – mein Schlafoutfit wird ihm bestimmt in Erinnerung bleiben. Ich habe klugerweise keinen warmen Schlafanzug mitgenommen und so besteht dieses aus verschiedenen merkwürdigen Komponenten. Dazu gehören u.a. eine abgeschnittene Strumpfhose, ein langärmeliges Kleid und Bundeswehrsocken. Ich glaube, Murray lacht immer noch, wenn er daran denkt.
Am nächsten Tag fuhren wir mit lauter musikalischer Begleitung von REM zum Petrified Wood. Anmerkung zur Band: Die einzige Assoziation, die ich zu ihr habe, ist das Konzert in Toronto von 2003, in das ich mich durch Gebüsch kriechend und über drei Meter hohe Zäune kletternd mit meiner lieben Freundin Lydia reingeschmuggelt habe. Da ging’s uns eigentlich eher um das Reinschmuggeln als um die Band, aber seitdem verbinde ich die Musik mit lustigen Ereignissen. Jetzt kommt noch tolle Landschaft mit schnellem Auto dazu. Gute Kombi.
Zurück zum Wald: Er existierte vor 170 Millionen Jahren und ist heute dank verschiedener chemischer Vorgänge als Fossilienwald erhalten. Ein sich selbst erhaltender Biofriedhof sozusagen.

In jedem dieser Steine (also die im Hintergrund) sind Fossilien verewigt.

Special Guest der Pflanzengruftis sind überaus lebendige, fette Algen. Irgendwo muss sich ja alles wieder ausgleichen.

Bevor es weiter nach Dunedin ging aßen wir bei Freunden von Murray im südlichen Paradies und in Gesellschaft von einem Lama, Schafen, einer Geis und Hühnern zu Mittag.