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Franz Josef Glacier

Es gibt vielleicht nicht viele Menschen, die das nachvollziehen können, aber es kostete mich mehr Überwindung, auf einen Gletscher zu klettern, als aus einem Flugzeug zu springen. Ich wusste, dass ich nicht auf den Gletscher wollte. Ich wusste, dass ich weder Eis noch Kälte mag. Aber ich wollte auch nicht im Nachhinein bereuen, den Gletscher ignoriert zu haben, wenn er doch schon mal da war.

Es fing gut an. Wir hatten eine tolle Ausrüstung bekommen, die aus nassen Schuhen, einer Wind- und Wetterhose und Jacke, sowie Steigeisen bestand. Man, sah ich professionell aus, wie eine kleine Bergsteigerin.

Der Weg zum Gletscher war nach meiner Tour durch den Saw Cut der reinste Spaziergang. Auf rutschigen und wackeligen Steinen durch Flüsse hüpfen kann ich mittlerweile und es machte sogar Spaß. Ebenso der Auf- und Abstieg eines Geröllbergs.

Aber dann kam der Gletscher. Ich mag es nicht, wenn es rutschig ist. Es war kalt und nass, und zwar von allen Seiten. Während des Aufstiegs fragte ich mich ununterbrochen, warum es zum Teufel regnet, wenn doch unter mir Massen an Eis liegen. Warum?!?

Dieses Wissen habe ich mir im Nachhinein angeeignet, lest selbst: Schnee fällt hoch oben in den Bergen und friert zu Eis, heute übrigens 20 m tief. Grade durch den andauernden Regen wächst der Gletscher kontinuierlich, denn ersterer trifft auf letzteren und beide werden eins. Seit 1985 bewegt sich die Eismasse täglich um 70 cm Richtung Meer. Man hat quasi drei in eins in einem Umkreis von ca. 2 km: Eis, Regenwald und Strand.

Spannend, aber viel romantischer ist folgende Erklärung: Einer maorischen Legende nach starb der Geliebte eines Maori-Mädchens. Sie trauerte offensichtlich sehr um ihn. Ihre Tränen flossen ohne Unterlass und bildeten schließlich den Gletscher.

Zurück zum deutschen Mädchen, das sich ohne Tränen, aber mit nervösem Herzklopfen auf einem Gletscher befindet. Ich entdeckte eine mir bis dato unbekannte Angst: die Platzangst. Vielleicht beschränkt sie sich nur auf Situationen, in denen ich durch 30 cm breite und zwei Meter hohe Gletscherspalten flutsche und der Boden unter mir nachgibt, während ich weiß, dass die Leute vor mir so langsam sind, dass ich nicht selbst entscheiden kann, ob und in welcher Geschwindigkeit da wieder rauskomme. Besonders der nette Inder, der seine Frau in jeder Situation fotografieren wollte und dann allen anderen ununterbrochen anbot, für sie Fotos zu machen, verwandelte sich vor meinen Augen langsam aber sicher in ein rotes Tuch.

Bitte würdigt meine modelreife Leistung. Gletscher – das Lächeln sitzt.

Als wir uns am Ende entscheiden konnten, ob wir noch eine extrem enge Gletscherspalte durchqueren oder lieber auf einer freien Strecke staksen wollten, entschied ich mich dann doch für die Spalte. Aus zwei Gründen.

Erstens: Man muss sich seinen Ängsten stellen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, was es mir im Endeffekt bezüglich dieser Angst gebracht hat, denn ich habe immer noch keine Lust, das zu wiederholen.

Zweitens: Ein älteres niederländisches Paar quetschte sich vor. Kann ich da als junge Frau den Kopf ins Eis stecken?

Aber auch das habe ich überlebt. Vielleicht mag ich jetzt Eis ein bisschen lieber als vorher. Immerhin hat es nicht irgendwo nachgegeben und mich für immer konserviert.