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Abschiedspartys

Der Club sieht normal aus und heißt auch noch profan The Café. Er befindet sich in Castro, dem Schwulen- und Lesbenviertel San Franciscos. Ich wurde dazu angehalten, Dollarnoten bereit zu halten. Für die Gogotänzer, das Geschlecht darf man sich aussuchen. Der gute Rat: „Make them work for their money.“ Ist doch klar, die Tänzer haben einen Job wie jeder andere auch. Ich bin erst schüchtern, aber nachdem wirklich jeder finanziell gesehen zum lohnenswerten Abend der Tänzer beiträgt, halte auch ich einem eindeutig Schwulen schwarzen Gogotänzer einen Dollar hin.

Fast nehme ich ihm ab, dass er auf Frauen steht. Vor allem, nachdem er mich über die Absperrung hebt und ich kurz auf der Bühne mit den Tänzern um die Wette tanze. Ich komme mir sehr angezogen vor. Der Moderator (oder die Moderatorin, ich kann das Geschlecht nicht genau erkennen) schmeißt mich leider von der Bühne. Na toll. Bestimmt habe ich den anderen sie Show gestohlen. Der Club schließt, wie alle Clubs, um zwei Uhr morgens. Schade. Da fange ich grade erst an zu tanzen.

Das mache ich ein paar Stunden später – Ostersonntag – in einer rappelvollen Kirche weiter – mit Schlafdefizit und Kater. Ist das ein Gottesdienst? Es ist ein Gotteskonzert!

Der Chor, die Band und jedesmal ein anderer Solosänger, jeder trägt mit seinem Talent (und das haben sie!) zur Stimmung bei. Ein Beamer projiziert ununterbrochen friedliche Bilder und Bibelstellen an die Wand über dem „Altar“ – dort, wo bei uns sonst das Kreuz hängt. Mehrere leidenschaftliche Predigten, die halb so lang sind wie die in Deutschland, dafür doppelt so unterhaltsam und berührend. Eine Dame präsentiert zu ersteigernde Gräber auf ebay und bewundert den Optimismus des Verkäufers. Ein offensichtlich beliebter Herr äußert sich auch mal kritisch: „Da regt sich der Atheist in mir.“ Die Predigten enthalten politische Themen wie die Gesundheitsreform der USA, soziale Themen wie Drogenmissbrauch und Bitten um Unterstützung der sozialen Projekte, persönliche Themen wie selbstverletzendes Verhalten – und immer einen bemerkenswerten und ansteckenden Optimismus.

Zweifelhaft finde ich die fast schon zu dominante Überzeugung von Gottes Gerechtigkeit. Ob der Gerechtigkeitssinn, den wir uns so zusammenbasteln, auch von einem höheren Wesen vertreten wird?

Ein schwuler amerikanischer Star mit Anzug und Lipgloss legt ein Zeugnis für seinen Glauben ab. Er ist dank Gott seit neun Jahren clean. Ich glaube, der Mann, der immer zwischendurch aufsteht und einen Witz macht, ist der Pfarrer. Und zwischendurch wird immer gesungen. Bei den schnellen Liedern tobt die Gemeinde, bei den langsamen, gefühlvollen werden Taschentücher gereicht, Klatschen und Zwischenrufe sind erwünscht. Auch meinen Augen entwischt die ein oder andere Träne, Gänsehaut habe ich unentwegt. Ja, die Amerikaner wissen, was Show ist, aber sie wissen auch, was die Menschen berührt.

Am Ende des Gotteskonzertes gehe ich die Stufen runter und erwische den Nebenausgang (ich sag ja, die Orientierung…). Dort wird gerade Obdachlosen ihre tägliche Ration Essen gereicht. Diesmal eine etwas größere mit einem Osterei. Zwei zahnlose Männer sitzen zufrieden in einer Ecke und wünschen mir als ich rausgehe einen schönen Tag.